Das Arsenal Naval, sein Umfeld und die strukturellen Bedingungen

 

Die letzten Stunden von Hans Langsdorff sind im Abschnitt "Argentinien / Arsenal Naval" beschrieben worden.

 

Und wieder fällt auf; gäbe es nicht, wie im ähnlichen Fall von FKpt. Aumann, der einen Bericht über sein Gespräch mit Langsdorff verfasst hat, in dem ein Einblick zu erhalten ist über die mögliche persönliche Verfassung von Langsdorff während des Gefechts und der anschließenden Entscheidungsphase für Montevideo, (s. Unterseite "Das Gefecht, der Verlauf und die Folgen") den Bericht von St. Arzt Dr. F. Härting, gäbe es wieder keine Orientierungshilfe über diese letzten Stunden. Auch hier hat sich keiner seiner Offiziere jemals nachhaltig zu der Sachlage geäußert – auch hier herrschte die bekannte "Sprachlosigkeit".

 

Schon ab Mitte der 50ger bis Anfang 1960ger Jahre trafen sich wiederholt ein "illusterer" Kreis von Männern - man kann diese auch als die überlebenden Veteranen der Ereignisse um "Die Schlacht vom Río de La Plata" berechtigt nennen. Darunter einige ehemalige Beteiligte im Gefecht vom 13. Dezember 1939 - Stabsoffiziere der britischen Kreuzer HMS "Exeter", HMS "Ajax" und HMNZS "Achilles" und dem Panzerschiff "Admiral Graf Spee", aber auch einige der damaligen uruguayischen Marineoffiziere und natürlich ehemalige britische und uruguayische Politiker bzw. Diplomaten – alle die sind aus dem Abschnitt "Montevideo" bekannt.

 

Man traf sich mal in Paris, mal in London, aber auch in Montevideo und in unterschiedlicher Zusammensetzung.

 

Die einzigen Abwesenden war die damalige "deutsche diplomatische Delegation, die Langsdorff  beratend zur Seite stand".

Die folgenden Dokumente beweisen das genaue Gegenteil!

 

Es ging im Prinzip darum, dass ehemalige Kriegsgegner bzw. Gegenspieler, jetzt friedlich vereint, die Ereignisse des Dezember 1939 aus der jeweiligen eigenen Sicht noch mal Revue passieren lassen wollten.

 

Grundlage für ein Buch, dass der ehemalige britische Botschafter in Montevideo, jetzt Sir Eugen Millington-Drake, später veröffentlichte. "The Drama of Graf Spee and the Battle of the River Plate".

 

Auch in Spanisch ist es unter den Titel: "El Drama del Graf Spee y La Batalla del Río de La Plata" veröffentlicht worden. Es ist eine chronologische Dokumentensammlung – herausgegeben wurde es vom "Instituto de Publicaciones Navales. Rep. Argentina".

 

In diesem Buch, B5 Format, 435 Seiten, wird jede Phase beschrieben – das Aufeinandertreffen der drei britischen Kreuzer mit der "Graf Spee", der Fortgang bis zum Einlaufen in Montevideo, die Stunden und Tage vor Ort bis hin zur Sprengung und die Evakuierung der Besatzung nach Argentinien.

 

Und jeder Beitrag, den ein Teilnehmer geleistet hatte, egal wie lang oder kurz er war, wurde aufgeschrieben – auch wenn einiges eher widersprüchlich erscheint. Und auch ehemalige "Veteranen", die aus zeitlichen Gründen nicht an den Treffen teilnahmen und sich schriftlich zu ihren besonderen Erinnerungen äußerten, wurden berücksichtigt.

Es ist keine Übertreibung zu sagen - überwiegend wurden die Themen bis zum äußersten durchdekliniert. Es ist erstaunlich, wie detailgenau sich alle Beteiligten erinnern konnten, selbst an geringfügigen Details oder Dialoge.

 

Umso erstaunlicher ist es, dass im Bezug zum Tod von Langsdorff, von seinen ehemaligen Stabsoffizieren keine Angaben zu finden bzw. zu lesen sind. Über den gesamten Verlauf seit der Ankunft in Buenos Aires bis zum Auffinden des Leichnams herrscht ein kollektives Schweigen! Mit zwei Ausnahmen - dazu später.

 

Man kann den Eindruck gewinnen, diese Offiziere, egal ob sie damals aus der Internierung geflüchtet oder erst nach Kriegsende bei dem Rücktransport dabei waren, diesen Abschnitt bewusst beiseite gelassen haben und sich nur äußerten, wenn es beim besten Willen nicht zu vermeiden war.

 

Woran das lag, ist nicht mehr zu klären. Es gibt die bekannte Aussage von Langsdorff, die von vielen seiner Besatzung später immer wieder in Erinnerung gerufen wurde: >> ich lasse uns dort draußen auf See nicht von einer Übermacht zusammenschießen. Mir sind tausend junge lebende Menschen lieber als tausend tote Helden <<[…]. An wen war die tatsächlich gerichtet?

 

Es wurde später von manchen Besatzungsmitgliedern, die in Argentinien ansässig waren, gelegentlich erwähnt, dass die Entscheidung das Schiff zu sprengen, zumindest im Kreis der Stabsoffiziere umstritten war und es soll zu einem, "gewagten Widerstand", gekommen sein. Im Zentrum stand der Satz: >> und wir stellten uns vor ihm, gemeint war Langsdorff, einige bewaffnet <<[…].

 

Bei so einem heiklen Vorfall wären sicher manche, die sonst den Aussagen der späteren "Speefahrer" immer gerne folgten, schon wegen des lediglichen Zeitzeugeneffekts, geneigt daran zu zweifeln.


Aber dieser Vorfall wurde bereits sehr frühzeitig in einer Chi-Meldung des OKW vom 20. Dezember 1939 - I Nr. 5831/39, erwähnt und u.a. an das OKM 3. Abt. der Skl. weitergeleitet. Wie zu lesen ist, stammt diese Meldung aus sicherer Quelle. Diese Nachricht wurde sowohl von der Nachrichtenagentur Havas als auch Reuters publiziert. Die beiden darüberstehenden Nachrichten sind übrigens richtig und durch Dokumente anderswo belegt.

Und es gab darüber hinaus tatsächlich auch einen Pressebericht, der in der „Deutschen La Plata Zeitung“ erschien, um den 04. April 1940 herum, dem zwar in bekannter rabiater Weise widersprochen wird, aber von sonst niemandem. Anstelle oder gemeinsam mit der Besatzung wäre es eigentlich logisch gewesen, wenn dieses Dementi von der Deutschen Botschaft in Buenos Aires, bzw. vom dortigen Militärattaché Niebuhr, vorgenommen worden wäre …

 




Auch der ehemalige OLtzS. Rasenack, der im April 1940 nach Deutschland flüchtete, 1941-43 auf der "Tirpitz" fuhr, als KKpt. aus der KM schied, 1948 nach Argentinien immigrierte, der für gewöhnlich sich als der Wissende des Ereignisses gab und "Marinekorrespondent" der "Freien Presse" war, die Nachfolgerin der "Deutschen La Plata-Zeutung", verhielt sich, wenn es um die Umstände des Todes von Langsdorff ging, immer sehr schmallippig, obwohl sonst die Einlassungen und Erinnerungen in seinem schon erwähnten Tagebuch im Allgemeinen reichlich sind.

 

Da mutet sich das Folgende ja schon als Glücksfall der Geschichte an, wenn er folgerwähnt:

  • >> Am Nachmittag hatte er sich, gemeint ist Langsdorff, noch mit einigen Offizieren und Freunde der deutschen Kolonie zusammengefunden. Er war lebhaft und froh, wie wir ihn schon lange nicht mehr erlebt hatten und keiner hatte irgendwelchen Verdacht. Und weiter erwähnt er, dass am Abend ein Mann, wie uns später klar wurde, gehörte dieser zur deutschen Botschaft und Langsdorff hatte bei ihm um eine Pistole verlangt, einem unserer Offiziere sagte: >>Achten sie heute Nacht auf ihren Kommandanten <<[…].

Die zweite Einlassung ist die bekannte von Dr. Härting. Und diese ist besonders wertvoll, denn sie beschreibt die Lage geradezu klassisch.

 

Danach hatte Langsdorff am Dienstag seine Besatzung zusammengerufen, aufgrund örtlicher Gegebenheiten in Vierer-Gruppen und eine Ansprache gehalten mit dem Hinweis, dass es durchaus sein könnte, dass sie in aller Kürze wieder an einem Grab die letzte Ehre erweisen müssten. Und weiter antwortete er auf Fragen der Presse, dass er zz. keine Neuigkeiten hätte, aber ggf. am kommenden Tag.

 

Diese Einlassungen erlangen, in Ermangelung der Aussagen des Offizierskreises, der permanent um Langsdorff herum zirkulierte und im "Arsenal Naval" unmittelbar einquartiert war, beinah "urkundlichen Karakter".

Und sie stehten bekanntlich im Kontext zu der Lage vom 19. Dezember 1939. Langsdorff hatte an dem Nachmittag zu seiner Besatzung gesprochen und Pressevertretern erklärt, dass er zz. keine Neuigkeiten hätte, aber vielleicht am kommenden Morgen.

 

Dass diese Aussagen, denen es an Deutlichkeit nicht mangelte - man könnte diese auch als ein Hilferuf eines verzweifelten Menschen verstehen-, zumindest von einigen der anwesenden Offiziere richtig interpretiert wurde, versteht sich von selbst. Aber es kam keine Reaktion.


Welche Gründe auch immer Langsdorff bewogen haben Suizid zu begehen, genügend sind ja im Laufe der Jahrzehnte hineininterpretiert worden, der wohl nachhaltigste war bisher nie erkannt worden.

 

Nach seiner Ankunft in Buenos Aires wurde ihm von den Spitzenfunktionären der NS/AO, die ihm bereits in Montevideo erbarmungslos zugesetzt hatten, weiter schwere Vorwürfe gemacht; hier liefen diese jetzt zu Höchstform auf. Der Hauptakteure war Alfred Müller, der schon in Montevideo sein Unwesen trieb.

 

Auf dem Foto, das bei der Ankunft in Buenos Aires entstanden ist, im Hintergrund ist der IO Kay zu erkennen und weiter Langsdorff, der mit einem argentinischen Marineoffizier spricht, ist zwischen den beiden Müller stehend und Abstand bewahrend zu erkennen; sein Blick auf Langsdorff gerichtet "spricht Bände".

 

Sowohl für den Kommandanten als auch für den Menschen Langsdorff hatten solche Figuren nur Geringschätzung und Kaltblütigkeit im Angebot. Alfred Müller war verantwortlich für das Ressort "Politische Angelegenheiten" und berichtete direkt dem Gauleiter und "Repräsentant des Führers". Als solcher war seine Macht nicht zu unterschätzen und er ließ sich fotografieren, um deutlich zu machen, dass er nun auch in der obersten Liga mitspielte. Ein großer Moment für die eigene Publicity.


Ein Brief an seinen Bruder Reinhard Langsdorff belegt die damalige Situation nachhaltig. In der unteren Bildergalerie ist dieses ganz besondere Dokument abgebildet. Die Besonderheiten werden später thematisiert, zunächst zum Inhalt.

 

Lieber Bruder!                                                                                       Buenos Aires, Hafen 19.12.1939.

 

Alles hat sich für uns schnell erledigt. Bisher konnte ich noch nicht über die neuesten Entwicklungen berichten.

Das Einzige was ich tat war das Schiff zu zerstören und auf jedem Fall meine Mannschaft retten. Es ist geschafft.

An Ruth, an Mama und an die Kinder habe ich ähnlich geschrieben, aber nicht um sie zu grämen oder sie hineinzuziehen.

 

Wo immer Du auch mit deinen Truppen bist, wirst Du die Dinge verstehen, die ich dir schreibe. Du warst immer der intelligentere von uns beiden. In diesem Schreiben lieber Reinhard möchte ich einige Fragen klären, die ich nicht anderen offenbaren kann; ein hoher Funktionär unserer Botschaft in Buenos Aires ist meinen Weg gekreuzt und hat mich ins Gesicht mit einigen Dingen beschuldigt, die mich fassungslos machten.

Es sind Beschuldigungen, die ich weder als Kommandant noch wegen meines Verhaltens verdient habe.

 

Du Bruder kennst mich besser als jeder andere. Deshalb werde ich die hier nicht aufschreiben, aber ich habe die zwingende Notwendigkeit sie aus meinem Inneren zu rauszulassen, und keiner kommt besser infrage als du, wenn du diesen Brief auf sicheren weg erhältst.

Mein lieber Reinhard wie du dir vorstellen kannst beschäftigt mich weniger die Meinung in Deutschland als die Sicherheit meiner Besatzung, meine loyalen Offiziere und unsere Familie. Wenn Papa jetzt noch wäre! Wie sehr er recht hatte mit diesen Lumpen!

 

Ich schreibe dir, damit du weißt, dass ich sehr zufrieden mit meinem Gewissen bin. Ich habe mich um die materiellen Güter unserer geliebten Heimat gekümmert, habe mich um meine Männer und um unsere Ehre, unsere Familie einschließlich du und ich.

Ich will dir auch schreiben, dass ich nicht bereue, jetzt einige Dinge nicht zufriedenstellend gemacht zu haben, am Ende meines Werdeganges. Es hängt weder von mir noch von unserer Regierung ab, dass es nicht so ausgegangen ist wie erwartet.

 

Der einzige Verantwortliche für alles bin ich und die Art wie man uns erzogen und auf diesen Krieg vorbereitet hat.

Ich beschuldige keinen. Ich nenne nur die Tatsachen jener Umstände, die uns seit jenem bedeutungsvollen 21. August in Wilhelmshaven bis hierher schicksalhaft geführt haben.

 

Geliebter Bruder: Du kennst mich besser als jeder andere. Ich bin nicht gehässig oder gewalttätig. Wie es einige Männer in Berlin und Buenos Aires sind.

Gott lenkt und leitet. Unser Vater hat uns gelehrt, das wahrzunehmen.

 

Wenn unser Schiff nicht vollständig zerstört wurde, so liegt die Verantwortung weder bei mir noch bei meinen Männern.

Auch ist es nicht die Verantwortung deines gescheiterten Bruders, dass einige der wenigen Granaten die das Schiff trafen, die Küchen und die Trinkwasseraufbereitung beschädigt haben und die Munition im Bunker durchnässten. Auch nicht, dass in unserer Niederlage kein anderer sicherer Hafen vorhanden war.

Man hat mich für ein Gefecht vorbereitet, aber wir alle sind in Gottes Hand auch - im Gefecht.

 

Wenn man mich in Berlin kritisiert ist das in Ordnung. Aber das sie mich für die Unkalkulierbarkeit im Gefecht und die verdammte Diplomatie verantwortlich machen; nein.

Niemand kann dem Schicksal Vorwürfe machen, das es die allerhöchste Schuld trägt.

 

Lieber Reinhard ich allein bin der einzige verantwortliche für diese Tragödie.

Es tut mir leid um meine toten Männer, die im Gefecht gefallen sind, um euch und um meine liebe Heimat Deutschland.

Wir werden diese schwierige Lage gut hinter uns lassen, damit ich dich für immer brüderlich umarmen kann.

 

Sollte mir etwas passieren, weißt du, dass Ruth, Inge und Jochen in deiner Obhut sind. Und das wirst du mit der guten Hilfe von Annelise tun.

Aber beeile die nicht, um mich herum kümmert man sich um meine Sicherheit.

In der Botschaft behelligt man mich. Und der Herr v. Thermann ist der Einzige, neben den Kapitänen Krankenhagen und Niebuhr, die Männer der Ehre sind. Das kann ich von den Herren in Zivil, die ihn begleiten, nicht sagen.

Herr v. Thermann tut alles, damit es mir gut geht, in diesem fernen Land mit guten Menschen.

 

Das musst du wissen. Du musst alle diese Dinge wissen. Ich will nicht Bruder und ich darf mich auch nicht von dir verabschieden. Nur dir habe ich das alle geschildert, weil du es wissen solltest, denn niemand kann das Schicksal vorher sagen.

 

Mit einer brüderlichen Umarmung, Eho! Eho! Du erinnerst dich?

Sei vorsichtig Bruder.

 

Hans.



Dieser Brief war an die Wohnadresse in Düsseldorf adressiert, sein Bruder aber hat den nie erhalten.

Erst 1968 wurde Dr.jur.Langsdorff von dem italienischen Journalisten, Historiker und Buchautor Arrigo Petacco interviewt. Dieser drehte für das italienische Fernsehen RAI eine Dokumentation mit dem Titel: "La fine della Graf Spee".

Er zeigte ihm eine Kopie des Briefes, der sich sowohl damals als auch heute noch in einer Privatsammlung in Uruguay befindet.

 

Einlassungen der Familie besagen, dass sein Bruder Reinhard ein Tagebuch führte und dort in einem Kapitel "Mein Bruder Hans" seine Erinnerungen niederschrieb; der Brief aber nicht erwähnt wird.

 

Wieso dieser Brief nie nach Deutschland gelangte, schon aber den Weg in eine Privatsammlung in Uruguay fand ist einen der vielen Fragen, die wohl nicht mehr zu klären sind.

Es liegt aber nahe, dass dieser Brief im Laufe des Vormittages des 20. Dezember 1939, nachdem man Langsdorff erschossen fand, dieser und auch andere Gegenstände von ihm, von Angehörigen der Deutschen Botschaft requiriert wurden, bevor die argentinischen Behörden, wie an anderer Stelle zu lesen ist, erst am Mittag benachrichtigt wurden.

 

Es ist bekannt, dass seine Pfeife, sein Tabaksbeutel, aber auch andere persönliche Gegenstände wie ein Federhalter, ein Buch und eine Nagelbürste, nie wieder aufgetaucht sind – besonders der Ehering. Gegenstände, die in der Niederschrift der Argentinischen Untersuchungsbehörden nach der Zimmerbesichtigung, sehr wohl genannt werden.

  • Im Zusammenhang mit dem Tod von Langsdorff fand sogar eine Vernehmung statt. Die damaligen Umstände hatten auch bei den Alliierten von Anfang an Fragen aufgeworfen. Auch dieser Text ist in der Galerie abgebildet.
  • In einer Vernehmung am 20. Mai 1945 durch den US-Navy-Commander Carl Weisskopf erklärte der damalige Boschafter v. Thermann u.a., dass Langsdorff ihm am Abend des 19. Dezember 1939 eine Mappe übergab, mit Telegrammen und andere Dokumente in einem verschlossenen Umschlag, die nach Berlin an das Personalbüro gesandt werden sollte. Diese Aufgabe wurde an den Marineattaché Niebuhr delegiert. Ob das Geschehen ist, konnte bisher nicht geklärt werden, in den Militärarchiven jedenfalls sind keine Dokumente vorhanden, selbst für den Wehrpass musste in Wilhelmshaven ein Ersatzt ausgestellt werden ....

Leider ist von dem Brief nur die erste und dritte Seite in Kopie vorhanden. Erfreulicherweise aber gibt es eine spanische Übersetzung, und so konnte der gesamte Text rekonstruiert werden – diese ist in der Galerie abgebildet.

 

Der vorhandene deutsche handschriftliche Text wurde mit dem spanischen verglichen und es ergaben sich keine signifikanten Unterschiede – lediglich auf die Synonymik musste geachtet werden.

 

Es wird hier ganz bewusst auf eine Bewertung der Brief-Architektur verzichtet. Jeder, der dieses historische Ereignis, zumindest das Wesentliche, in der WebDok. bisher her aufmerksam gelesen hat, soll zu einem ganz eigenen Ergebnis kommen.

  • Und mit dem Fund dieser letzten Nachricht an seinem Bruder und die Zeilen, welche so bedeutungsvoll sind, wird auch deutlich, wie der Inhalt des Briefes, den Langsdorff an den Botschafter v. Thermann am selben Abend schrieb, zu verstehen ist.
  • Er meinte genau die Funktionäre der NS/AO, die ihm bereits in Montevideo erbarmungslos zugesetzt hatten und hier in Buenos Aires nochmals zu Höchstform aufliefen, denen seine Motive und Handlungen fremd waren und daher ihm persönlichen Gründen unterstellten.
  • Und das ihm nur der eine Ausweg blieb mit seinem Tod zu beweisen, dass die Soldaten des Dritten Reiches bereit sind, für die Ehre ihrer Fahne zu sterben und so jeden Vorwurf zu vermeiden, der wegen der Ehre der Flagge gemacht werden könnte. Der ganze Text ist im Abschnitt Das Arsenal Naval, sein Umfeld und die strukturellen Bedingungen am Ende der Seite nachzulesen.

Und daher ist auch hier nicht zu übersehen, dass die NS-Doktrin, wie schon in Montevideo, das Bestimmende waren.


In der Fotogalerie sind weitere Dokumente abgebildet die hier thematisiert werden müssen. 

  • Dem Schreiben des Leiters der Konsularabteilung an der Deutschen Botschaft in Buenos Aires ist zu entnehmen, dass er mit Schreiben vom 29. Januar 1940 den diensthabenden Richter D. Eduardo Sarmiento ersucht, die persönlichen Gegenstände von KptzS. Langsdorff, Kommandant der "Adm.Graf Spee", der Botschaft zu übergeben um jene bei erster Gelegenheit der Witwe zu überreichen.
  • Bereits am 04. Januar 1940 wird durch die zuständige Marinestelle in Wilhelmshaven ein "Ersatzpass" für Langsdorff ausgefertigt.

Es stellt sich die zwangsläufige Frage: warum die Eile, warum schon so kurfristig. Zu dem Zeitpunkt musste doch im Allgemeinen davon ausgegangen werden, dass alles Persönliche und Dienstliche von Langsdorff, durch die Deutsche Botschaft in Buenos Aires der Marinestelle in Wilhelmshaven zugeleitet werden würde.

  • Aus der Geheimanlage Nr. 5 zum Lagebericht OKW Blatt 11/1940 ist zu lesen, dass nur 4 Wochen später durch den Ob.d.M. (Raeder) angeordnet wurde, das Eingaben und Berichte betreffend der "Admiral Graf Spee", an den Stab des Oberkommandos der Kriegsmarine (M) und an (MI) (StO. beim Stab) übergeben werden sollten - Schulte Möntig, zum Zeitpunk der Anordnung war er KptzS. und zuletzt VAdm..
  • Und am selben Tag ergeht durch Hitler und Raeder eine Weisung an alle Kommandanten, die im Wortlaut aus dem beigefügten Dokument zu entnehmen ist.

Die Fragen, über die Besonderheiten der Todesumstände von Hans Langsdorff, bleiben.



Bundesrichter Dr. Miguel Jantus.
Bundesrichter Dr. Miguel Jantus.

Zumal zu dem bekannten Protokoll der argentinischen Untersuchungsbehörden zum Tode von Langsdorff, sich noch eine handgeschriebene Protokollnotiz angefunden hat. Auch diese ist vom Untersuchungsrichter Dr. M. Jantus unterschrieben.

Sowohl die handschriftliche Notiz als auch als Textdruck ist in der Galerie abgebildet.

  • Es handelt sich hierbei um eine Zeugenaussage. Der Zeuge Helmut Werneburg, 45 Jahre, verheiratet, bezeugt hier den Tod von Hans Langsdorff, der durch einen Kopfschuss, bzw. durch eine Kugel, die zu einem Gehirnbruch führte, verursacht wurde. Weiter durch den herbeigerufenen Arzt Dr. Horacio Vernengo Lima bestätigt und unter der Nummer 1216086 archiviert wurde.

Nur zur Vollständigkeit; dieser Arzt war der Bruder von Adm. Hector Vernengo Lima, z.Zt. Leiter der Marinemilitärschule und später Chef des Generalstabs der Argentinischen Marine.

  • Unterschrieben wurde das Dokument von Helmut Werneburg und einem weiteren Zeugen, Wilhelm Fischter 40 Jahre, verheiratet, die den Leichnam gesehen hatten. Beide Zeugen gaben dieselbe Wohnadresse an - Martínez, Arenales 2403. Dokumente belegen, dass beide aktiv in der NS-Auslandsorganisation tätig waren - welche Überraschung.
  • Werneburg, Nummer 2537338 - Beitritt 1. August 1935 - war Bankangesteller und Fischter, Nummer 7017400 - Beitritt 1. Februar 1939  - war Lehrer.

 

Auch wenn nach argentinischem Prozedere der Akt formal die Bedingungen erfüllte; bei einer inzwischen so bedeutenden Person wäre es, nach dem hier üblichen Vorgehen unerlässlich gewesen, dass mindestens W. Kay KptzS. und ein hochrangiger Vertreter der Deutschen Botschaft anwesend gewesen währen und bestätigt hätten. Offensichtlich wollte keiner mit der Sache zutun haben …

 

Darüber hinaus ergibt sich auch aus der Vernehmung von v. Thermann vom 20. Mai 1945, dass der damalige Untersuchungsrichter Dr. M. Jantus eine Obduktion angeordnet hatte, welche aber durch den OB GAdm.Raeder abgelehnt wurde. Die Deutsche Botschaft wurde mit Telegramm davon in Kenntnis gesetzt. Man wird den Eindruck nicht los; so genau wollte es keiner wissen.



Am Ende bleibt nur noch die Frage nach der Herkunft der Waffe. Wir erinnern uns an den Fall mit dem "Mann", von dem Rasenack berichtet hat und der sich später als Botschaftsangehöriger herausstellte und Langsdorff eine Waffe zur Verfügung gestellt hatte, und andeutete, die Offiziere sollten auf ihren Kapitän! des Nachts achtgeben.

Da diese Aussage von Rasenack aus dem Spanischen stammt, ist mit dem Begriff "Kapitän" natürlich "Kommandant" gemeint. In dem Buch, das oben schon genannt wurde, wird Langsdorff überwiegend als "Capitán de Navío" bezeichnet und eher selten als Kommandant, was aber auch vorkommt.

 

Am Abend begab sich Langsdorff, begleitet von seinen Stabsoffizieren, zum "Arsenal Naval", dort waren ihre Schlafräume. Dort angekommen setzten sich alle gemeinsam zusammen und unterhielten sich … was dort gesprochen wurde, ist nicht bekannt. Besonders interessant wäre gewesen, was Langsdorff seinen Offizieren für die Zukunft gesagt hat, zumal er seine ja kannte!

 

Das Gelände der "Dársena Norte", etwa 40.000 qm, war mit einem hohen Metallzaun umgeben – es war militärisches Gelände. Außer den Verwaltungsgebäuden im vorderen Bereich, dem anschließenden Parkgelände und dem dahinterliegenden Hotel gab es links von selbigen ein Hospital.

Das "Arasenal Naval" lag dahinter und außerhalb des Geländes vom Metallzaun linker Hand, wo sich auch das Hospital befand, Luftlinie etwas 60-70 m. Um aber zu Arsenal zu gelangen, musste man allerdings vom Gelände runter und rechts um die Ecke – Fußweg vom Haupteingang des Geländes, etwa 120 m.

Das Gebäude, "Stein auf Stein" gebaut, hatte etwas höhere Zimmerdecken, natürlich für die dortigen Gegebenheiten nicht gedämmt und mit einfacher Verglasung. Die Türen der Aufenthaltsräume gingen von einem ausgestreckten Flur ab. Man muss annehmen, dass die Fenster, es war Dezember, und auch nachts herrschten Temperaturen von sehr deutlich über 20°, nicht geschlossen waren, aber selbst wenn ja, ein Schuss konnte nicht überhört werden. Und das war ja auch so. Allerdings offenbar nur von den argentinischen Wachsoldaten. Nicht von den deutschen Stabsoffizieren, die sich auch dort aufhielten!

 

Die offizielle Sprachregelung war immer so, dass alle Beteiligten abends schlafen gingen, morgens irgendwann feststellten, dass Langsdorff nicht zum Frühstück erschien, man sich auf den Weg machte und ihn dann fand.

 

Da passt die Aussage von LtzS. Dietrich, der berichtete, am Morgen nach dem Langsdorff gesucht zu haben, weil der nicht erschien und ihn tot in seinem Zimmer auffand - aber mehr hatte er auch nie zu berichten. Das mag ggf. so gewesen sein, aber das darf nicht suggerieren, dass er es war, der ihn gefunden hatte.

Er übernachtete genauso, wie alle anderen Nicht-Stabsoffiziere und der Rest der Besatzung im Hotel. Die Frühstückszeit begann im Hotel immer früh genug, weil die Einwanderer, die sonst dort beherbergt wurden, den Tag auch frühzeitig nutzen sollten, um sich eine Bleibe und eine Anstellung zu suchen – fünf Tage konnten die Einwanderer im Hotel kostenlos wohnen.

 

Und dass dort der Schuss nicht gehört werden konnte, ist sehr wahrscheinlich und dass sich das, was sich in "Arsenal Naval" ereignet hatte, noch nicht durchgedrungen wahr ist ebenso gewiss.

 

Denn außer den argentinischen Militärangehörigen hatte offenbar keiner weder den Schuss noch die Anwesenheit des wachhabenden Offiziers, der Dr. Härting holen ließ, bemerkt und auch später als weitere argentinische Offiziere dazu kamen, dominierte offenbar immer noch die Unwissenheit.


An den Botschafter, Buenos Aires 19. Dezember 1939

Exzellenz:

 

Nach einem langen inneren Kampf kam ich zu der schweren Entscheidung, das Panzerschiff Graf Spee zu versenken, um zu verhindern, dass es in feindliche Hände fällt. Ich bin mir sicher, dass dies unter Berücksichtigung der Umstände die einzige Lösung war, nachdem ich mein Schiff in die Falle von Montevideo geführt hatte. Jeder Versuch, mit der verbliebenen Munition auf See zu gehen, wäre ein völliger Fehlschlag gewesen.

Und nur auf hoher See hätte ich das Schiff nach der Verwendung der restlichen Munition versenken können, um zu verhindern, dass es in die Hände des Feindes fällt. Bevor ich mein Schiff der Gefahr aussetzte, teilweise oder vollständig in die Hände des Feindes zu fallen, habe ich beschlossen, nicht zu kämpfen, sondern die Bewaffnung zu zerstören und das Schiff zu versenken.

Es lag auf der Hand, dass meine Entscheidung von Menschen, deren meine Motive fremd sind, absichtlich oder unbewusst missverstanden oder mir aus persönlichen Gründen ganz zugeschrieben werden würden. Daher entschied ich von Anfang an, die Konsequenzen zu tragen, die diese Entscheidung mit sich bringt, da ein Kommandant mit Ehrgefühl sein eigenes Schicksal nicht von dem seines Schiffes trennen kann.

Ich hatte meine Entscheidung so weit wie möglich aufgeschoben, da ich mich für das Wohlergehen der Mannschaft die unter meinen Befehl standen verantwortlich fühlte. Nach der Entscheidung der argentinischen Regierung von heute kann ich nichts anderes mehr für die Besatzung meines Schiffes tun.

Auch kann ich nicht aktiv am aktuellen Konflikt in meinem Land teilnehmen.

Jetzt kann ich mit meinem Tod nur beweisen, dass die Soldaten des Dritten Reiches bereit sind, für die Ehre ihrer Fahne zu sterben.

Nur ich bin verantwortlich für die Versenkung des Panzerschiff Admiral Graf Spee.

Ich bin glücklich, mit meinem Leben jeden Vorwurf zu vermeiden, der wegen der Ehre der Flagge gemacht werden könnte. Ich werde meinem Schicksal mit unerschütterlichem Glauben für die Sache und Zukunft des Landes und meines Führers begegnen.

Ich schreibe diesen Brief an Eure Exzellenz in der Stille der Nacht, nachdem ich in aller Ruhe darüber nachgedacht habe, damit Sie meine Stabsoffiziere benachrichtigen und allen öffentlichen Gerüchten widersprechen, wenn es nötig ist.

(Unterschrieben) Langsdorff

 Kommandant des Panzerschiffes

 Admiral Graf Spee


Wie immer diese Zeilen bisher verstanden wurden, mit dem Fund der letzten Nachricht an seinem Bruder und die Zeilen, welche so bedeutungsvoll sind, wird auch deutlich, wie der Inhalt des obigen Briefes, den Langsdorff an den Botschafter v. Thermann am selben Abend schrieb, zu verstehen ist. Was die Herkunft der Pistole angeht, so wird dieser Vorgang ausführlich auf der Unterseite Der Suizid & die zwei Pistolen beschrieben.


Schwerer Kreuzer HMS "Exeter"

Der Wahlspruch: "Semper fidelis"

York-Klasse - 8390 ts - 32 kn

Leichter Kreuzer HMS "Ajax"

Der Wahlspruch: "Nec Quisquam Nisi Ajax"

Leander-Klasse - 7270 ts - 32,5 kn

Leichter Kreuzer HMNZS "Achilles"

Der Wahlspruch: "Braverly in Action"

Leander-Klasse - 7270 ts - 32,5 kn


  Wilhelmshaven

Buenos Aires


Letzte Aktualisierung 21. August 2021

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