1944 - Der Paradigmenwechsel

 

Die neutrale Haltung von Argentinien im Zweiten Weltkrieg hatte eine besondere Ursache. Diese Neutralität war ein Produkt aus seiner traditionellen wirtschaftlichen und kulturellen Verbindung zu Europa und der Opposition gegenüber dem Hegemonialanspruch der USA auf dem südamerikanischen Kontinent.

Der Konflikt mit Argentinien entwickelte sich für die USA zunehmend zu einer Prestigefrage. Die USA begannen nun, Argentinien mit einer Reihe von wirtschaftlichen Sanktionen unter Druck zu setzen, um das Land zu zwingen, seine Neutralität aufzugeben.

Die Folge war eine Verschärfung des Wirtschaftsboykotts und der damalige US-Außenminister erwog ein totales Embargo oder sogar Krieg. Um die Bedrohung abzuwenden, nahm Präsident Ramírez einen gerade aufgedeckten deutschen Spionagering zum Anlass und erklärte am 26. Januar 1944 den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Deutschland.


Wie unterschiedlich auch die bisherigen Internierungsjahre für die Besatzungsmitglieder aus ihrer Sicht auch verlaufen sein mögen, es war doch immer noch besser als die gegenwärtigen Lebensbedingungen in Europa - dort herrschten Krieg, Tod und Verwüstung.

Der erfolgte Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Deutschland hatte nun auch unmittelbar Folgen für die internierte Besatzung.

 

Die, die sich in Buenos Aires und Martín García aufhielten, wurden ab 15. Februar 1944 verlegt – wer eine Anstellung hatte, musste diese einstweilen aufgeben. Die Internierten Standen ab sofort unter militärischer Kontrolle und hatten ausschließlich den argentinischen Behörden Folge zu leisten.

Die Unterbringung erfolgte in "Sierra de la Ventana". Landschaftlich schön gelegen, zwischen Bahia Blanca und der etwa 700 km entfernten Hauptstadt in der Provinz Buenos Aires. Dieses Lager stellte sich faktisch als nobles Hotel heraus und auch hier war der Aufenthalt zwanglos angenehm.

Das "Club Hotel La Ventana" war ein ehemaliges Kasino- und- Golfhotel. Erbaut 1906 im Stil der "Belle Époque-Zeit".

Der Hotel-Komplex - 14.000 ha groß - war bereits im März 1920 einmal geschlossen worden, weil während der Präsidentschaft von Yrigoyen das Glücksspiel verboten wurde und die Weltwirtschaftskrise zusätzlich ihren Teil dazu beigetragen hatte und Besucher aus dem Ausland fernblieben.



Nun erfolgte wieder die Schließung des Hotels, weil Teile der internierten Besatzung dort untergebracht waren. Aufgrund der begrenzten Kapazität verblieben die internierten Besatzungen in den Provinzen und wurden nicht dorthin verlegt.

Da das Hotel bis dahin geschlossen war, mussten wieder, ähnlich wie auf Martín García, die Verweilenden erst mal Handanlegen, um bewohnbaren Raum zu schaffen. Für die militärischer Kontrolle waren etwa 100 Mann abgestellt.

Trotzdem durften sich alle frei bewegen und die, die in einer Familie integriert waren, konnten alle zwei Wochen eine "Heimfahrt" beanspruchen. Daneben gab es Sport und Freizeitmöglichkeiten wie Schwimmen, Wandern, Fußball oder Tennis – auch hier ließ man es sich gut gehen.



Im Laufe des Monats September 1944 muss sich im Lager von Sierra de la Ventana etwas Beachtenswertes ereignet haben, sodass sich die Marinepräfektur gezwungen sah, einen Brief an das Innenministerium zu schreiben mit folgendem Inhalt:

 

Schreiben vom 23. September 1944 - Beauftragter für die internierte Besatzung an den Innenminister Dr. D. Taborda.

 

Eure Exzellenz, Herr Minister,

ich formiere Sie, dass aufgrund der Vorfälle, die im Lager von Sierra de la Ventana vorgefallen sind, und aufgrund der Erhaltung der körperlichen Unversehrtheit des Herrn KptzS. W. Kay und seiner engsten Mitarbeiter wir uns verpflichtet sahen, ein Internierungslager in der Gegend von Florencio Varela, genauer gesagt eine quinta (Landhaus), mit dem Namen "La Beba" zu errichten und den genannten Offizier zusammen mit seinem ihm direkt unterstellten Personal dort unterzubringen.

 

Unterschrift.

Alberto Cossavella

Oberstleutnant.

Büro für Kriegsgefangene.


Was war hier geschehen, dass dem ehemaligen IO der "Graf Spee", KptzS. W. Kay und seinen Offizieren nicht nur die Autorität anscheinend abhandengekommen war, mehr noch, dass er und sein Speeverwaltungs-Gefolge "um Leib und Leben fürchten mussten" und so ein anderes Internierungsquartier zur Verfügung gestellt werden musste. Bisher ist dieser Vorfall nie erwähnt worden. Nachstehende Tabelle gibt aber nicht nur einen genauen Überblick über den internierten Personalbestand im Juni 1944, sondern beweist, dass die Wehrsoldkürzung über die Jahre regelmäßig angewandt wurde.



1945 - Die Kriegserklärung

 

Während des Jahres 1944 wurde Argentinien zunehmend mit Embargodrohungen unter Druck gesetzt und die USA forderten nun verstärkt den Kriegseintritt Argentiniens aufseiten der USA.

Der Kriegseintritt wurde von den USA nun auch als Bedingung für den Beitritt zu den Vereinten Nationen und zur Wiederaufnahme in die panamerikanische Gemeinschaft, von der sich Argentinien isoliert hatte, gestellt.

Dennoch kam es nicht zu einem totalen Embargo, da sich ein Ende des Krieges abzeichnete und die Alliierten immer abhängiger von den Nahrungslieferungen aus Argentinien wurden, die sie für die befreiten und die besetzten Gebiete Europas benötigten.

Im Februar und März 1945 tagte die "Interamerikanische Konferenz von Chapultepec" in Mexiko-Stadt, auf der die Akte von Chapultepec verabschiedet wurde. Diese enthielt eine gemeinsame Erklärung über gegenseitige Hilfeleistung und Solidarität der amerikanischen Staaten, welche die Grundsätze eines abzuschließenden Verteidigungspaktes festigen sollte. Argentinien wurde von der Konferenz ausgeschlossen, wurde jedoch aufgefordert, sich den dort gefassten Beschlüssen anzuschließen und somit seine Aufnahme in die Vereinten Nationen zu ermöglichen.

Die Teilnahme an der Konferenz von San Francisco von April bis Juni 1945, auf der die Struktur der UNO entworfen werden sollte, hing vor allem von der Kriegserklärung Argentiniens gegen die Feindmächte der USA ab.

 

Mit dem Dekret 6945 erklärte Argentinien am 27. März 1945 Deutschland und Japan als letzter Staat der Welt! den Krieg.

Eine Woche nach der Kriegserklärung unterzeichnete Argentinien die Akte von Chapultepec. Im Gegenzug hoben die USA die wirtschaftlichen Restriktionen auf.


Am 02. April 1945 erklärte Argentinien mit Dekret 7037 die Besatzungsmitglieder des Panzerschiff "Admiral Graf Spee" zu Kriegsgefangenen.

 

Es wurde von der Regierung ein Betrag von $1.000.000,- Peso für den Unterhalt der Kriegsgefangenen bereitgestellt und der von der Deutschen Regierung zu erstatten war – ob das jemals geschah ist nicht bekannt.

Trotz der veränderten Rahmenbedingungen hatte sich für die Internierten, sowohl in den Provinzen als auch in Sierra de la Ventana, nichts Grundlegendes geändert und das blieb bis Ende 1945 auch so.

Allerdings begehrte Großbritannien ab Mitte 1945 die Auslieferung der internierten Besatzungsmitglieder und das erfuhren auch diese.


Die Internierung - auch von struktureller und gesellschaftlicher Bedeutung

 

Zunächst versuchten einige eine behördliche Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen und stellten einen Antrag. Dieser wurde aber nach genauer Prüfung in der Regel abgelehnt – es waren ja zuallererst Kriegsgefangene.

Das sprach sich herum und einige wenige versuchten es mit einer Flucht, um sich im Land zu verstecken – doch wenigen gelang das.

Die dritte und in der Hoffnung nachhaltigste Lösung konnte also nur eine Heirat sein. Die Heiratsfrage hatte schon in den zurückliegenden Jahren sowohl die argentinischen Behörden beschäftigt, die von Anfang an eine Heirat von ihrer zuvor erteilten Genehmigung abhängig machten als auch die "Speeverwaltung", denn es war klar geregelt, dass ein deutscher Soldat nur mit Genehmigung seines Disziplinarvorgesetzten heiraten durfte.

 

Nach Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Argentinien gegenüber Deutschland im Januar 1944 wurde jetzt zunehmend fühlbar, weil durch die argentinischen Behörden das Kontroll- und Weisungsrecht wahrgenommen wurde, dass die Zeit der "Spee-Selbstverwaltung" zu Ende ging.

Sie lehnten Anträge zwar nicht kategorisch ab, aber eine genaue Prüfung wurde vorgenommen. Besatzungsmitglieder, die in der Vergangenheit durch ihr Verhalten bei den Polizeibehörden aufgefallen waren, wurden in der Regel abgelehnt. Aus humanitären Gründen wurde nur genehmigt, wenn eine Schwangerschaft vorlag. Das waren aber noch die geringsten Vorgänge.

Viel brisanter waren Vorgänge, wo selbst Bigamie ein mögliches Mittel der Wahl war – folgende beispielhafte Fälle:

 

  • Ein Maschinenmaat, interniert in Córdoba, stellte Ende Januar 1944 einen Antrag auf Verbleib in Argentinien mit Wohnsitz in Córdoba. Daraufhin bat das argentinische Marineministerium um personenbezogene Auskünfte. Im Juni 1944 teilte das Marineministerium dem Speebüro mit, dass wegen schlechter Führung und falschen Angaben der Antrag abgelehnt wurde. Dann, im November 1945, bittet er um eine Heiratserlaubnis mit einer Argentinierin. Nach eingehender Prüfung wurde Ende Dezember 1945 diese Heiratserlaubnis abgelehnt, weil er bereits durch Ferntrauung in Deutschland eine Ehefrau hatte und somit wurde ihm auch weitere Eheschließungen untersagt.
  • Ein Maschinengefreiter, interniert in der Hauptstadt, stellt Ende Februar 1944 einen Antrag um Heiratserlaubnis mit einer ansässigen Frau, die in der Schweiz, wie behauptet, geschieden war. Im März baten die argentinischen Behörden bei der Schweizer Botschaft um Auskunft und diese ergab Ende April, dass diese Frau nicht geschieden war und daher gab es auch keine Erlaubnis.

Unabhängig davon geben Dokumente Auskunft, dass in den Monaten September und Oktober 1945, 35 Mann geheiratet hatten- davon 27 ohne Erlaubnis.

 

Diese Internierung an verschiedenen Orten hatte eine strukturelle und gesellschaftliche Bedeutung. Dadurch entstanden neu kulturelle Kreise und Familienanschlüsse, die ,wie nun zu erkennen ist, meist mit dem Einheiraten endeten - vorausgesetzt, die notwendigen Töchter waren vorhanden.

 

Und diese Aufnahmen in eine Familie mussten auch nicht zwangsläufig eine deutsche Angelegenheit sein, vielfach waren es beheimatete, manchmal aus Drittländern. Allerdings endete bei manchen, die schon glaubten zueinandergefunden zu haben, das Vorhaben jäh – die Eltern der Braut machten nicht mit und das führte nicht selten zu Spaltungen in der Familie.

Kurz und gut – ob Aufenthaltsanträge, ob gescheitertes Verstecken, ob Heirat mit und ohne Genehmigung, alles half nichts und die beabsichtigte Auslieferung stand bevor.

 

Am Ende dieser langen Internierungszeit sei noch besonders an die sechs Besatzungsmitglieder erinnert, die in den vergangenen Jahren der Internierung gestorben waren. Vier davon wurden in Buenos Aires der Grabstätte von Hans Langsdorff beigebettet. Einer wurde in der Stadt Rosario in der Provinz Santa Fe bestattet und einer in der Provinz San Juan.


In Memoriam

 

In fremder Erde bestattet

 

Mech.Ob.Gefr.(A) Peter Kranen 31. Mai 1941 – Masch.Mt. Wolfgang Beyrich 13. August 1941

 

Matr.Ob.Gefr. Josef Schneider 21. Mai.1942 – Ob.Bts.Mt. Johannes Eggers 17. Oktober 1941

 

Matr.Gefr. Walter Kowalczik 16. Juli 1945 – Masch.Gefr. Erich Brändle im September 1945



Darüber hinaus soll hier aber auch an die acht deutschen Besatzungsmitglieder erinnert werden, sechs der "Altmark" und zwei der "Graf Spee" die u.a. auf dem Trossschiff verblieben waren.

 

Die "Altmark" hatte bekanntlich noch 303 britische Besatzungsmitglieder an Bord, die sie von der "Graf Spee" übernommen hatte. Nach der letzten Trennung von der "Graf Spee", auf ihren Weg vom Südatlantik zurück nach Deutschland, lief sie am 14. Februar 1940 nördlich von Trondheim in norwegische Hoheitsgewässer ein - Norwegen war damals neutral.

 

Die Briten hatten am 16.Februar 1940 im Jøssingfjord die "Altmark" geentert. Sie hinterließen fünf Schwer - und fünf Leichtverletzte und erschossen acht Besatzungsmitglieder - sie alle waren unbewaffnet. Es war die erste Verletzung der Neutralität in Norwegen vor Hitlers Überfall.

 

Sieben wurden zunächst auf dem Eikedal-Friedhof beerdigt, später aber sind die Körper nach Oslo überführt worden. Der Achte, ein Maschinist, gilt als vermisst – >> später sollen die Briten mitgeteilt haben einen Mann aufgefischt zu haben, der kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben habe << […]. Der Verbleib ist nicht bekannt.

 

"Altmark"

 

Steward Fritz Bremer 16. Februar 1940 - Steward Ernst Meyer 16. Februar 1940

 

Maschinist Waldemar Paht 16. Februar 1940 - Maschinist Walter Rothe 16. Februar 1940

 

Heilgehilfe Hans Steffens 16. Februar 1940 - Steward Otto Stender 16. Februar 1940

 

Maschinist Berndsen 16. Februar 1940 – vermisst -

 

"Graf Spee"

 

 Matr.Gefr. Fritz Schürmann 16. Februar 1940



"Campo de Mayo"

 

"Campo de Mayo" war und ist eine Militärbasis - 8.000 ha groß und liegt 30 km nordwestlich vom Zentrum Buenos Aires entfernt. Das Gelände wurde 1901 durch die argentinische Regierung erworben und ist seitdem untrennbar mit den verschieden militärischen Absichten verbunden, die immer zu Umstürzen führten. Zuletzt in der Zeit der Diktatur 1976 – 83, wo allein auf dem Gelände vier verdeckte Verhörzentren eingerichtet waren. "La Casita", "Prisión Militar de Encausados", "El Campito" und das "Hospital Militar," wo Neugeborene von ihren inhaftierten Müttern weggenommen wurden, um in anderen Familien untergebracht zu werden.


Anfang des Jahres 1946 wurden alle Besatzungsmitglieder aus den verschiedenen Internierungsregionen nach Buenos Aires verlegt - zum Militärstandort "Campo de Mayo".

Dort wurden sie als Kriegsgefangene untergebracht und konnten das Gelände auch nicht verlassen. Der "Besuch" ehemaliger "Patenfamilien" und/oder inzwischen gewordene Ehefrauen konnten nur beiderseitig der Einzäunung erfolgen – mehr auch nicht.

Wie schon angedeutet blieb kein Besatzungsmitglied, das in Argentinien interniert, war von der Rückkehrpflicht verschont - auch nicht die inzwischen Verheirateten.

Eine Lösung, im Wege der "Humanitären Sache", wie es in Uruguay praktiziert wurde, wäre theoretisch auch hier möglich gewesen. Zumal Uruguay, auch erst auf politischem Druck der USA, am 23. Februar 1945 die Kriegserklärung abgab.

Aber die NS-Entwicklung in den 30. Jahren in Argentinien, aus der sich eine Parallelgesellschaft entwickelte und ein weitreichendes "Netzwerk" entstehen ließ, führte dazu, dass die Alliierten zu Kompromissen nicht bereit waren. Hinzu kam die bisherige politische Haltung Argentiniens.

Nur eine Bedingung, die Argentinien formuliert hatte, wurde von den Alliierten erfüllt – der Rücktransport der Besatzungsmitglieder fand unter Aufsicht Schweizer Vertreter des Internationalen Roten Kreuz statt – Argentinien hatte, im Hinblick auf den Umgang der Briten mit den Kriegsgefangenen, Bedenken.

 

Im Laufe die Internierungsjahre hatten 103 Besatzungsmitglieder geheiratet.

Anträge mancher Ehefrauen auf Verbleib wurden abgelehnt. Manche begleiteten ihre Ehemänner nach Deutschland, es sollen etwa neun Frauen gewesen sein, andere schickten später deren Männern Geld, damit sie wieder zurückkehren konnten … und wollten.



Der Rücktransport

 

Am 15. Februar 1946 begann die Rückkehr aus Argentinien für weit über 900 Mann. Die restliche in Uruguay internierte Besatzung, jetzt auch Kriegsgefangene, kam einen Tag später an Bord. Von den 44 bis dahin Verbliebenen kehrten 32 zurück.

Den uruguayischen Behörden wurde der nötige Handlungsspielraum, im Hinblick auf die humanitäre Lage, eingeräumt. Acht Mann der Besatzung der "Tacoma" und zwei der "Graf Spee" wurde die Rückreise, aus Gesundheitsgründen, nicht zugemutet - sie blieben im Land.

 

Ab Anfang September 1946 konnten diese sich soweit frei bewegen, aber durften Uruguay vorerst nicht verlassen. Zehn weitere Besatzungsmitglieder der "Graf Spee" durften bleiben, weil diese inzwischen verheiratet waren und/oder bereits ein Kind vorhanden war.

Als Truppentransporter diente das ehemalige Passagierschiff "Highland Monarch". Begleitet wurden sie von den britischen Leichten Kreuzer "Ajax" und "Achilles", die Gegner von einst, am 13. Dezember 1939 - Ironie des Zufalls?

 

Mitte März 1946 trafen alle in Hamburg ein. Bereits auf der Fahrt der Elbe aufwärts waren die Vernichtungen des Krieges zu erkennen. Vom Lichterglanz der Großstadt Hamburg war nichts übrig geblieben - dafür jede Menge Ruinen.

In Güterwaggons ging es – natürlich, sie waren ja die Kriegsverlierer, - weiter nach Munster-Lager - Niedersachsen. Dort wurde in ungeheizten Holzbaracken gewohnt. Die Jahre der Sonne und der Wärme waren zunächst für viele vorbei und ein neuer Abschnitt stand bevor. Die wohl drängendste Frage: Was war, falls nicht schon bekannt, aus der eigenen Familie geworden, hatten letzte Nachrichten sie noch erreicht oder standen noch weitere Schicksalsschläge aus, und was war aus dem jeweiligen Heimatort geworden.

 Auch die beiden Maschinisten der VIII. Division standen zuallererst vor diesen Fragen …


Ende April 1946 wurde Hans Götz aus dem Lager in Munster entlassen und kehrte am 09. Mai 1946 nach Blaubeuren zurück.

 

Sein Vater war bereits 1940 und seine Mutter 1941 verstorben.

 

Einer seiner Brüder, der als Sanitäter im Memelland seinen Dienst leistete, seine letzte Nachricht kam im Januar 1945, gilt seit dieser Zeit als vermisst.

 

Der andere Bruder soll in den letzten Kriegstagen vom damaligen Bürgermeister von Blaubeuren aus dem Lazarett heraus an die Front geschickt worden sein. Er fiel auf dem Rückzug am 08. April 1945 bei Wien.

 

Er fand im Prinzip ein leeres Elternhaus vor – nur die Frauen der Familie waren die letzten Verbliebenen.

 

Zunächst arbeitete er als Elektriker bei Magirus Deutz in Ulm, danach als Betriebselektriker in einem Betrieb der Württembergischen Leinenindustrie.

Im April 1948 heiratete er – aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor.

 

Ein leeres Elternhaus und ein Krieg, der nicht nur Gebäude zu Ruinen werden ließ, sondern auch so manchen Menschen, bewogen ihn, für eine neue, demokratische Gesellschaftsordnung einzutreten. Parteien waren kurz nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland vielleicht noch nicht überzeugend, ein Engagement in einer Gewerkschaft und Mitarbeitervertretung schon.

 

Der Tradition folgend fühlte er sich verpflichtet die elterliche Bäckerei weiterzuführen. Er "ging noch mal in die Lehre" und legte danach 1958 die Meisterprüfung ab – er war jetzt 44 Jahre alt.

Im Jahr 1962 konnte er mit berechtigtem Stolz das 100-järige Bestehen der Bäckerei Götz feiern – welche Leistung.

 

Im Jahr 1972 gab er den Betrieb ab und wendete sich wieder seinem erlernten Beruf zu und wurde im elektrotechnischen Betrieb Spohn & Burkhard tätig.

Beide Male musste er seine Tätigkeit wegen schwerwiegender Erkrankung vorzeitig beenden.

 

Im Jahr 1975 und mit gerade mal 61 Jahren begab er sich auf seine letzte Reise – viel zu früh!

Für viele Blaubeurer war er nach seiner Rückkehr einfach "der Graf Spee".

 

Sein Sohn veröffentlichte 2017 das Tagebuch von Hans Götz - Sie nannten ihn "Graf Spee". Eine Hommage an seinem Vater.


Mitte April 1946 wurde Heinz Neumann zum 1. Corps District Germany nach Mönchen Gladbach verlegt und am 28. April 1946 aus dem Militärdienst entlassen.

Am 10. Mai 1946 erhielt er seine Registrierungskarte und kurz danach ging es mit dem Zug über Magdeburg nach Berlin. Nach sieben Jahren der Abwesenheit war er wieder zurück.

Seine Mutter und die Verwandten lebten noch, aber "sein Berlin" erkannte er kaum wieder. Es war im Prinzip ein einziges Trümmerfeld.

Zunächst ging es zum Hamstern. Angesichts des Elends im Allgemeinen und der Hungernot im Besonderen blieb ihm keine andere Wahl und im Übrigen war es eine Pflichtübung für jeden echten Berliner. Das brachte ihm des Weiteren zwei Wochen Aufenthalt in einem russisch-kontrollierten Gefängnis ein – dieser Vorfall sollte ihn sein ganzes Leben begleiten.

 

Noch mal davon gekommen nahm er im Mai 1947 eine Beschäftigung bei Erwin Dobbeling auf, ein Elektrofachgeschäft, die er aber im Januar 1948 wieder beendete. Die katastrophale Lage in Deutschland, die Inflation, die inzwischen etablierten Besatzungszonen, die Spaltung Berlins und die Hungersnot, die eine ganze Generation später noch belasten sollte, ließen ihm keine Wahl.

Und so kehrte er mit seiner Frau, sie hatten 1944 in Buenos Aires geheiratet, sie kam Mitte 1947 wie verabredet nach Deutschland, im April 1948 von Berlin über die Schweiz und Italien nach Genua und über den Seeweg zurück nach Argentinien.

 

Worauf die Besatzung der "Graf Spee" vor neun Jahren kriegsbedingt verzichten musste, verwirklichte sich nun.

Ein paar Tage später querte das Schiff die Linie, die Äquatortaufe wurde vollzogen und er wurde in Poseidons Gemeinde aufgenommen – sein Leben als Seemann war nun komplett.

Am 17. Mai 1948 lief das Schiff, die "Río Santa Cruz“" in Buenos Aires ein.

 

Zehn Jahre waren nun um, und alles hatte mal in Eckernförde begonnen. Am 31. Mai 1948 nahm er wieder seine alte Tätigkeit bei der Firma Electrodinie E.N. auf - das Unternehmen, wo er bereits in den Jahren 1941 - 44 tätig war.

 

Er war jetzt kein Marinesoldat mehr, aber die Zugehörigkeit zum Panzerschiff "Admiral Graf Spee" blieb - das war die wahre Auszeichnung.

Ein Jahr später, an einem Montag im Mai 1949, wurde er Vater. Zeuge für den Verwaltungsakt auf dem Standesamt war sein Speekamerad Augustin Brunner, 29 Jahre / VIII. Division.

 

Ende 1962 kehrte er nach Deutschland zurück. Seine Familie kam später nach. Deutschland hatte sich in großen Teilen noch lange nicht vom Krieg erholt.

Das viel gepriesene Wirtschaftswunder hatte manche Menschen erreicht, viele aber nicht.

Es fehlte manchen immer noch an vielem, einigen an allem, und vor allem fehlte es an Wohnraum.

 

Das Leben in Deutschland hatte sich für ihn und seine Familie rückblickend gut entwickelt und ein vernünftiger Lebensstandard stellte sich bald ein.

Seinem Wesen, seinem Fleiß und seine ausgeprägten handwerklichen Fähigkeiten war es zu verdanken, dass er adäquate Anstellungen fand und dieser Standortwechsel überhaupt glückte.

 

Im Jahr 1985 und mit gerade mal 65 Jahren begab er sich auf seine letzte Reise – viel zu früh!

Seine Ruhe fand er auf dem Friedhof Ahrensburg. Bereits 1957 wurde Helmuth von Mücke dort beigesetzt. Er war Marineoffizier der Kaiserlichen Marine, diente im Ostasien-Geschwader und wurde als Führer einer kleinen Gruppe deutscher Matrosen, die sich während des Ersten Weltkrieges und aufgrund der Versenkung ihres Kleinen Kreuzers "Emden" vom Indischen Ozean nach Deutschland durchschlugen, bekannt.

Die gemeinsame geschichtliche Klammer dieser beiden, obgleich unterschiedlicher Generation und individueller Lebensläufe, aber mit vergleichbaren militärischen Erfahrungen, ist der Vizeadmiral Maximilian Graf von Spee. Geschwaderkommandeur des Ostasien-Geschwaders und Namensgeber des "Panzerschiff Admiral Graf Spee", das sein Wappen trug.

 

Zum 75-jährigen Gedenken an die Ereignisse hat ihm sein Sohn auf seinem Grabstein, das Speewappen und den Namen des Schiffes eingravieren lassen.



Hier geht nun die Zeitreise zu Ende. Für die Reiseteilnehmer war es sicher spannend und aufschlussreich. Trotzdem werden Fragen bleiben und manche werden auch sicher nie beantwortet werden können. Vielleicht müssen auch nicht immer alle beantwortet werden, nur weil der Fragesteller gerade seine Fragen, als besonders bedeutsam betrachtet. Oftmals gab es schon eine Antwort darauf, aber die wurde aufgrund der Komplexität überhört.

 

Aber es gibt schon ein paar Vorgänge, die in der Vergangenheit entweder unbekannt waren, übersehen worden sind oder einfach, obwohl bekannt, ausgeblendet wurden. Wie schon ganz am Anfang erwähnt, gab und gibt es vielförmige "Wahrheiten" – ein Forum zur Selbstbedienung.

 

Auf der kommenden Seite "Resümee" mit Unterseiten wird das, in einem angemessen Rahmen, thematisiert werden.

 


Schwerer Kreuzer HMS "Exeter"

Der Wahlspruch: "Semper fidelis"

York-Klasse - 8390 ts - 32 kn

Leichter Kreuzer HMS "Ajax"

Der Wahlspruch: " Non other than Ajax"

 Leander-Klasse - 7270 ts - 32,5 kn

Leichter Kreuzer HMNZS "Achilles"

Der Wahlspruch: "Braverly in Action"

Leander-Klasse - 7270 ts - 32,5 kn