Das Arsenal Naval, sein Umfeld und die strukturellen Bedingungen

 

Die letzten Stunden von Hans Langsdorff sind im Abschnitt "Argentinien / Arsenal Naval" beschrieben worden.

 

Und wieder fällt auf, gäbe es nicht - wie im ähnlichen Fall von FKpt. Aumann, der einen Bericht über sein Gespräch mit Langsdorff verfasst hat, in dem ein Einblick zu erhalten ist über die mögliche persönliche Verfassung von Langsdorff während des Gefechts und der anschließenden Entscheidungsphase für Montevideo - den Bericht von St. Arzt Dr. F. Härting, gäbe es wieder keine Orientierungshilfe über diese letzten Stunden. Auch hier hat sich keiner seiner Offiziere jemals nachhaltig zu der Sachlage geäußert – auch hier herrschte die bekannte "Sprachlosigkeit".

 

Schon ab Mitte der 50ger bis Anfang 1960ger Jahre trafen sich wiederholt ein "illusterer" Kreis von Männern - man kann diese auch als die überlebenden Veteranen der Ereignisse um "Die Schlacht vom Río de La Plata" berechtigt nennen. Darunter einige ehemalige Beteiligte im Gefecht vom 13. Dezember 1939 - Stabsoffiziere der britischen Kreuzer HMS "Exeter", HMS "Ajax" und HMNZS "Achilles" und dem Panzerschiff "Admiral Graf Spee", aber auch einige der damaligen uruguayischen Marineoffiziere und natürlich ehemalige britische und uruguayische Politiker bzw. Diplomaten – alle die sind aus dem Abschnitt "Montevideo" bekannt.

 

Man traf sich mal in Paris, mal in London, aber auch in Montevideo und in unterschiedlicher Zusammensetzung. Die einzigen Abwesenden war die damalige "deutsche diplomatische Delegation", die Langsdorff "beratend zur Seite stand".

 

Es ging im Prinzip darum, dass ehemalige Kriegsgegner bzw. Gegenspieler, jetzt friedlich vereint, die Ereignisse des Dezember 1939 aus der jeweiligen eigenen Sicht noch mal Revue passieren lassen wollten.

 

Grundlage für ein Buch, dass der ehemalige britische Botschafter in Montevideo, jetzt Sir Eugen Millington-Drake, später veröffentlichte. "The Drama of Graf Spee and the Battle of the River Plate".

 

Auch in Spanisch ist es unter den Titel: "El Drama del Graf Spee y La Batalla del Río de La Plata" veröffentlicht worden. Es ist eine chronologische Dokumentensammlung – herausgegeben wurde es vom "Instituto de Publicaciones Navales. Rep. Argentina".

 

In diesem Buch, B5 Format, 435 Seiten, wird jede Phase beschrieben – das Aufeinandertreffen der drei britischen Kreuzer mit der "Graf Spee", der Fortgang bis zum Einlaufen in Montevideo, die Stunden und Tage vor Ort bis hin zur Sprengung und die Evakuierung der Besatzung nach Argentinien.

 

Und jeder Beitrag, den ein Teilnehmer geleistet hatte, egal wie lang oder kurz er war, wurde aufgeschrieben – auch wenn einiges eher widersprüchlich erscheint. Und auch ehemalige "Veteranen", die aus zeitlichen Gründen nicht an den Treffen teilnahmen und sich schriftlich zu ihren besonderen Erinnerungen äußerten, wurden berücksichtigt.

Es ist keine Übertreibung zu sagen - überwiegend wurden die Themen bis zum äußersten durchdekliniert. Es ist erstaunlich, wie detailgenau sich alle Beteiligten erinnern konnten, selbst an geringfügigen Details oder Dialoge.

 

Umso erstaunlicher ist es, dass im Bezug zum Tod von Langsdorff, von seinen ehemaligen Stabsoffizieren keine Angaben zu finden bzw. zu lesen sind. Über den gesamten Verlauf seit der Ankunft in Buenos Aires bis zum Auffinden des Leichnams herrscht ein kollektives Schweigen! Mit zwei Ausnahmen - dazu später.

 

Man kann den Eindruck gewinnen, diese Offiziere, egal ob sie damals aus der Internierung geflüchtet oder erst nach Kriegsende bei dem Rücktransport dabei waren, diesen Abschnitt bewusst beiseite gelassen haben und sich nur äußerten, wenn es beim besten Willen nicht zu vermeiden war.

 

Woran das lag, ist nicht mehr zu klären. Es gibt die bekannte Aussage von Langsdorff, die von vielen seiner Besatzung später immer wieder in Erinnerung gerufen wurde: >> ich lasse uns dort draußen auf See nicht von einer Übermacht zusammenschießen. Mir sind tausend junge lebende Menschen lieber als tausend tote Helden <<[…]. An wen war die tatsächlich gerichtet?

 

Es wurde später von manchen Besatzungsmitgliedern, die in Argentinien ansässig waren, gelegentlich erwähnt, dass die Entscheidung das Schiff zu sprengen, zumindest im Kreis der Stabsoffiziere umstritten war und es soll zu einem, "gewagten Widerstand", gekommen sein. Im Zentrum stand der Satz: >> und wir stellten uns vor ihm, gemeint war Langsdorff, einige bewaffnet <<[…].

 

Bei so einem heiklen Vorfall wären sicher manche, die sonst den Aussagen der Speebesatzung immer gerne folgten, schon wegen des lediglichen Zeitzeugeneffekts, geneigt daran zu zweifeln.


Aber dieser Vorfall wurde bereits sehr frühzeitig in einer Chi-Meldung des OKW vom 20. Dezember 1939 - I Nr. 5831/39, erwähnt und u.a. an das OKM 3. Abt. der Skl. weitergeleitet. Wie zu lesen ist, stammt diese Meldung aus sicherer Quelle. Diese Nachricht wurde sowohl von der Nachrichtenagentur Havas als auch Reuters publiziert. Die beiden darüberstehenden Nachrichten sind übrigens richtig und durch Dokumente anderswo belegt.

Und es gab darüber hinaus tatsächlich auch einen Pressebericht, der in der „Deutschen La Plata Zeitung“ erschien, um den 04. April 1940 herum, dem zwar in bekannter rabiater Weise widersprochen wird, aber von sonst niemandem. Anstelle oder gemeinsam mit der Besatzung wäre es eigentlich logisch gewesen, wenn dieses Dementi von der Deutschen Botschaft in Buenos Aires, bzw. vom dortigen Militärattaché Niebuhr, vorgenommen worden wäre …

 




Auch der ehemalige OLtzS. Rasenack, der im April 1940 nach Deutschland flüchtete, 1941-43 auf der "Tirpitz" fuhr, als KKpt. aus der KM schied, 1948 nach Argentinien immigrierte, der für gewöhnlich sich als der Wissende des Ereignisses gab und "Marinekorrespondent" der "Freien Presse" war, die Nachfolgerin der "Deutschen La Plata-Zeutung", verhielt sich, wenn es um die Umstände des Todes von Langsdorff ging, immer sehr schmallippig, obwohl sonst die Einlassungen und Erinnerungen in seinem schon erwähnten Tagebuch im Allgemeinen reichlich sind.

 

Da mutet sich das Folgende ja schon als Glücksfall der Geschichte an, wenn er folgerwähnt:

  • >> Am Nachmittag hatte er sich, gemeint ist Langsdorff, noch mit einigen Offizieren und Freunde der deutschen Kolonie zusammengefunden. Er war lebhaft und froh, wie wir ihn schon lange nicht mehr erlebt hatten und keiner hatte irgendwelchen Verdacht. Und weiter erwähnt er, dass am Abend ein Mann, wie uns später klar wurde, gehörte dieser zur deutschen Botschaft und Langsdorff hatte bei ihm um eine Pistole verlangt, einem unserer Offiziere sagte: >>Achten sie heute Nacht auf ihren Kommandanten <<[…].

Die zweite Einlassung ist die bekannte von Dr. Härting. Und diese ist besonders wertvoll, denn sie beschreibt die Lage geradezu klassisch.

 

Danach hatte Langsdorff am Dienstag seine Besatzung zusammengerufen, aufgrund örtlicher Gegebenheiten in Vierer-Gruppen und eine Ansprache gehalten mit dem Hinweis, dass es durchaus sein könnte, dass sie in aller Kürze wieder an einem Grab die letzte Ehre erweisen müssten. Und weiter antwortete er auf Fragen der Presse, dass er zz. keine Neuigkeiten hätte, aber ggf. am kommenden Tag.

 



Diese Einlassungen erlangen, in Ermangelung der Aussagen des Offizierskreises, der permanent um Langsdorff herum zirkulierte und im "Arsenal Naval" unmittelbar einquartiert war, beinah "urkundlichen Karakter".

Und sie stehten bekanntlich im Kontext zu der Lage vom 19. Dezember 1939. Langsdorff hatte an dem Nachmittag zu seiner Besatzung gesprochen und Pressevertretern erklärt, dass er zz. keine Neuigkeiten hätte, aber vielleicht am kommenden Morgen.

 

Dass diese Aussagen, denen es an Deutlichkeit nicht mangelte - man könnte diese auch als ein Hilferuf eines verzweifelten Menschen verstehen-, zumindest von einigen der anwesenden Offiziere richtig interpretiert wurde, versteht sich von selbst. Aber es kam keine Reaktion.

 

Hinzu kommt das Vorkommnis mit dem "Mann", von dem Rasenack berichtet hat und der sich später als Botschaftsangehöriger herausstellte und Langsdorff eine Waffe zur Verfügung gestellt hatte, und andeutete, die Offiziere sollten auf ihren Kapitän! des Nachts achtgeben. Da diese Aussage von Rasenack aus dem Spanischen stammt, ist mit dem Begriff "Kapitän" natürlich "Kommandant" gemeint. In dem Buch, das oben schon genannt wurde, wird Langsdorff überwiegend als "Capitán de Navío" bezeichnet und eher selten als Kommandant, was aber auch vorkommt.

 

Am Abend begab sich Langsdorff, begleitet von seinen Stabsoffizieren, zum "Arsenal Naval", dort waren ihre Schlafräume. Dort angekommen setzten sich alle gemeinsam zusammen und unterhielten sich … was dort gesprochen wurde, ist nicht bekannt. Besonders interessant wäre gewesen, was Langsdorff seinen Offizieren für die Zukunft gesagt hat, zumal er seine ja kannte!

 

Das Gelände der "Dársena Norte", etwa 40.000 qm, war mit einem hohen Metallzaun umgeben – es war militärisches Gelände. Außer den Verwaltungsgebäuden im vorderen Bereich, dem anschließenden Parkgelände und dem dahinterliegenden Hotel gab es links von selbigen ein Hospital.

Das "Arasenal Naval" lag dahinter und außerhalb des Geländes vom Metallzaun linker Hand, wo sich auch das Hospital befand, Luftlinie etwas 60-70 m. Um aber zu Arsenal zu gelangen, musste man allerdings vom Gelände runter und rechts um die Ecke – Fußweg vom Haupteingang des Geländes, etwa 120 m.

Das Gebäude, "Stein auf Stein" gebaut, hatte etwas höhere Zimmerdecken, natürlich für die dortigen Gegebenheiten nicht gedämmt und mit einfacher Verglasung. Die Türen der Aufenthaltsräume gingen von einem ausgestreckten Flur ab. Man muss annehmen, dass die Fenster, es war Dezember, und auch nachts herrschten Temperaturen von sehr deutlich über 20°, nicht geschlossen waren, aber selbst wenn ja, ein Schuss konnte nicht überhört werden. Und das war ja auch so. Allerdings offenbar nur von den argentinischen Wachsoldaten. Nicht von den deutschen Stabsoffizieren, die sich auch dort aufhielten!

 

Die offizielle Sprachregelung war immer so, dass alle Beteiligten abends schlafen gingen, morgens irgendwann feststellten, dass Langsdorff nicht zum Frühstück erschien, man sich auf den Weg machte und ihn dann fand.

 

Da passt die Aussage von LtzS. Dietrich, der berichtete, am Morgen nach dem Langsdorff gesucht zu haben, weil der nicht erschien und ihn tot in seinem Zimmer auffand - aber mehr hatte er auch nie zu berichten. Das mag ggf. so gewesen sein, aber das darf nicht suggerieren, dass er es war, der ihn gefunden hatte.

Er übernachtete genauso, wie alle anderen Nicht-Stabsoffiziere und der Rest der Besatzung im Hotel. Die Frühstückszeit begann im Hotel immer früh genug, weil die Einwanderer, die sonst dort beherbergt wurden, den Tag auch frühzeitig nutzen sollten, um sich eine Bleibe und eine Anstellung zu suchen – fünf Tage konnten die Einwanderer im Hotel kostenlos wohnen.

 

Und dass dort der Schuss nicht gehört werden konnte, ist sehr wahrscheinlich und dass sich das, was sich in "Arsenal Naval" ereignet hatte, noch nicht durchgedrungen wahr ist ebenso gewiss.

 

Denn außer den argentinischen Militärangehörigen hatte offenbar keiner weder den Schuss noch die Anwesenheit des wachhabenden Offiziers, der Dr. Härting holen ließ, bemerkt und auch später als weitere argentinische Offiziere dazu kamen, dominierte offenbar immer noch die Unwissenheit.


An den Botschafter, Buenos Aires 19. Dezember 1939

Exzellenz:

 

Nach einem langen inneren Kampf kam ich zu der schweren Entscheidung, das Panzerschiff Graf Spee zu versenken, um zu verhindern, dass es in feindliche Hände fällt. Ich bin mir sicher, dass dies unter Berücksichtigung der Umstände die einzige Lösung war, nachdem ich mein Schiff in die Falle von Montevideo geführt hatte. Jeder Versuch, mit der verbliebenen Munition auf See zu gehen, wäre ein völliger Fehlschlag gewesen.

Und nur auf hoher See hätte ich das Schiff nach der Verwendung der restlichen Munition versenken können, um zu verhindern, dass es in die Hände des Feindes fällt. Bevor ich mein Schiff der Gefahr aussetzte, teilweise oder vollständig in die Hände des Feindes zu fallen, habe ich beschlossen, nicht zu kämpfen, sondern die Bewaffnung zu zerstören und das Schiff zu versenken.

Es lag auf der Hand, dass meine Entscheidung von Menschen, deren meine Motive fremd sind, absichtlich oder unbewusst missverstanden oder mir aus persönlichen Gründen ganz zugeschrieben werden würden. Daher entschied ich von Anfang an, die Konsequenzen zu tragen, die diese Entscheidung mit sich bringt, da ein Kommandant mit Ehrgefühl sein eigenes Schicksal nicht von dem seines Schiffes trennen kann.

Ich hatte meine Entscheidung so weit wie möglich aufgeschoben, da ich mich für das Wohlergehen der Mannschaft die unter meinen Befehl standen verantwortlich fühlte. Nach der Entscheidung der argentinischen Regierung von heute kann ich nichts anderes mehr für die Besatzung meines Schiffes tun.

Auch kann ich nicht aktiv am aktuellen Konflikt in meinem Land teilnehmen.

Jetzt kann ich mit meinem Tod nur beweisen, dass die Soldaten des Dritten Reiches bereit sind, für die Ehre ihrer Fahne zu sterben.

Nur ich bin verantwortlich für die Versenkung des Panzerschiff Admiral Graf Spee.

Ich bin glücklich, mit meinem Leben jeden Vorwurf zu vermeiden, der wegen der Ehre der Flagge gemacht werden könnte. Ich werde meinem Schicksal mit unerschütterlichem Glauben für die Sache und Zukunft des Landes und meines Führers begegnen.

Ich schreibe diesen Brief an Eure Exzellenz in der Stille der Nacht, nachdem ich in aller Ruhe darüber nachgedacht habe, damit Sie meine Stabsoffiziere benachrichtigen und allen öffentlichen Gerüchten widersprechen, wenn es nötig ist.

(Unterschrieben) Langsdorff

 Kommandant des Panzerschiffes

 Admiral Graf Spee


Schwerer Kreuzer HMS "Exeter"

Der Wahlspruch: "Semper fidelis"

York-Klasse - 8390 ts - 32 kn

Leichter Kreuzer HMS "Ajax"

Der Wahlspruch: " Non other than Ajax"

 Leander-Klasse - 7270 ts - 32,5 kn

Leichter Kreuzer HMNZS "Achilles"

Der Wahlspruch: "Braverly in Action"

Leander-Klasse - 7270 ts - 32,5 kn