13. Dezember 1939

 

Aus dem KTB ist zu entnehmen, dass dieser Tag dazu vorgesehen war, das Operationsgebiet, wie ursprünglich vorgesehen, in die Bucht von Santos/Brasilien zu verlegen. Darüber hinaus gibt es keine formalen Eintragungen mehr.

Das KTB schließt mit dem 10. Dezember 1939. Für den 11. und 12. Dezember waren nur Entwürfe vorhanden, aber auch die, wie ausnahmslos alle anderen Dokumente, wurden aus Geheimhaltungsgründen bei der Sprengung vernichtet. Im Prinzip ist alles, was dem KTB von dem Moment an hinzugefügt wurde, das Ergebnis individueller Erinnerungen – sowohl mit all ihren Stärken als auch Schwächen.


Das Gefecht

 

Auch die Darstellung, wie sich die Situation an dem Morgen abbildete, wie das Gefecht verlief und einiges mehr, ist zunächst nur dem Telegramm zu entnehmen, das Langsdorff über die Gesandtschaft in Montevideo dem OKM sandte – G.Kdos. 195/39 v. 14. 12. – und das nebenstehend abgebildet ist.

 

Es soll hier nicht beurteilt werden, ob der Entschluss von Langsdorff, einem möglichen Gefecht nicht mehr unbedingt auszuweichen, das Aufeinandertreffen geradezu forciert hat. Im Übrigen hatte er diese Haltung auch mit den außergewöhnlichen Sichtverhältnissen begründet und dass so keine Aussicht auf das Abschütteln eines Fühlungshalters bestand. Und eben diese Situation bestand ja an dem Morgen des 13. Dezember gegen 06:00 Uhr OZ - der Himmel war wolkenlos und die Sicht war mit 20 sm gut. Allerdings ist auch nicht zu übersehen, dass er nicht mit gleich drei feindlichen Kriegsschiffen gerechnet hatte.

 

Auch nicht, ob der sofortige Angriff richtig war oder ob ein sofortiges Ablaufen besser gewesen wäre. Ob es richtig war mit hoher Geschwindigkeit auf den Gegner zuzulaufen oder ob es besser gewesen wäre, mehr Abstand zu wahren und die durchaus überlegene Artillerie mit höherer Trefferreichweite zu nutzen. Ob es besser gewesen wäre, den Schweren Kreuzer "Exeter" zu versenken oder ob es richtig war, den Rückzug zuzulassen.

Jenes Vorgehen und manches mehr, ist im Laufe von Jahrzehnten durchdekliniert worden – meist mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Es ist hier nicht nötig, das alles noch zu vertiefen.


 >> Kommandant ausgefallen <<[...].

 

Ein weit wichtiger Vorfall dagegen wurde immer nur am Rande erwähnt – wenn überhaupt. Auch später im Untersuchungsbericht des OKM werden die Verletzungen und der Ausfall des Kommandanten im Gefecht (!) als "Fußnote" behandelt.

  • Was war passiert? Langsdorff, der das Gefecht wegen der besseren Übersicht nicht aus dem geschützten Raum, sondern von der ungeschützten Vormarsplattform führte, er begründete das später damit, dass er die drei britischen Kreuzer nicht aus den Augen verlieren durfte, wird mehrfach durch Splitterwirkung an Schulter, Arm sowie am Kopf verletzt. Die Verletzungen durch Granatsplitter wurden angeblich von Langsdorff als nicht sehr bedeutend betrachtet – er ließ sich mit einem Verbandspäckchen versorgen.
  • Kurz darauf, im offenen Bereich immer noch anwesend, wird er nochmals verletzt, indem er, verursacht durch den immensen Luftdruck einer detonierenden Granate, gegen die Schiffswand und auf die Flurplatten geschleudert wird. Er verliert für kurze Zeit das Bewusstsein. Das Schiff war in diesem Stadium führungslos!

Und dieser "doch wohl nicht ganz unbedeutende Vorfall" wird nur konkret in dem Buch von Miligton-Drake erwähnt, das allerdings nur im Englischen und Spanischen erschien, ist, also nur für einen begrenzten Leserkreis.

 

Das Auffallende daran ist, dass es Einlassungen ehemaliger Offiziere der "Graf Spee" sind, die aber darüber hinaus nie publik gemacht wurden – man kann es kaum glauben. Und wenn, dann mit ungenauen und auch widersprüchlichen Angaben.

  • Folgt man der Darstellung im Buch „Raider Spee“, so war die Verwundung durch die Detonation der Granate leicht und die Besinnungslosigkeit dauerte wenige Sekunden – kein Wort aber über die Splitterverletzung.
  • Im Tagebuch von Rasenack wird sogar von einer zweimaligen Verletzung an Arm und Schulter berichtet, von einem hohen Blutverlust und einer nur notdürftigen Versorgung. Weiter wird das-zu-Bodenschleudern erwähnt und die darauffolgende Bewusstlosigkeit, die aber vermeintlich nur kurze Zeit dauerte.
  • Im Buch "Kameraden der See – Chronik" geht der ehemalige Adjutant von Langsdorff, Diggins, auch auf die Bewusstlosigkeit ein. Allerdings vergehen in dieser Darstellung sogar einige Minuten bis der IO KptzS. Kay auf dem Vormars erscheint und Langsdorff zeitgleich wieder auf die Beine kommt.

Aufgrund zweier eigener Unfall-Erfahrungen wurde ein Facharzt vom Autor dazu befragt. Der kam zum eindeutigen Ergebnis, dass die Schilderungen der Zeitzeugen ggf. sogar den Schluss zulassen, dass es sich um ein Polytrauma gehandelt haben kann. Zum einen die Splitterverletzungen, die einhergehen mit erheblichem Blutverlust, und zum anderen die durch den Sturz auf die Stahlplatten erfolgte Einwirkung auf den Kopf und die daraus resultierende Bewusstlosigkeit.

 

Weiter meinte der Facharzt, dass diese Annahme dem weiterem Handeln Langsdorff nicht entgegen steht. Selbstverständlich hat er einerseits, nach der Wiedererlangung des Bewusstseins, rational weiter gehandelt und die notwendigen Befehle erteilt - das lag an der Routine. Aber das beinhaltet nicht zwangsläufig eine Konsequenzanalyse.

 

Dieser Vorfall ist von beträchtlicher Bedeutung, denn er steht mit hoher Wahrscheinlichkeit in Verbindung mit der Entscheidung von Langsdorff, einen Hafen anzulaufen.

  • >> Von diesem Moment an, das ergibt die Aussage von dem I AO FKpt. Ascher, hatte Langsdorff weder die gewohnte Ruhe noch die Ausgeglichenheit. Daher musste er, Ascher, aufgrund des ständigen Richtungswechsels, fortdauernd die Artillerie neu justieren. Diese unentschlossene Gefechtsführung, die so sehr im Gegensatz zu der Ruhe stand, mit der Langsdorff sonst seine Aufgaben erfüllte, führte Ascher auf die Mattigkeit zurück, die Langsdorff durch die beiden Verletzungsstadien erfahren hatte, und machte dafür eine leichte Gehirnerschütterung verantwortlich. Diese beeinträchtigte Langsdorff, die Lage richtig einzuschätzen << […].
  • >> Auch der spätere Adm. Krancke und davor Kommandant der "Admiral Scheer", für den die Taktik in der zweiten Phase auch nicht nachvollziehbar war, schloss sich dieser Meinung an. Und er führt weiter aus, das die Entscheidung Montevideo anzulaufen, was eine Falle vorausahnen ließ, sich aus den gleichen Gründen erklären lässt << […].

 Und der ehemalige Adjutant OLtzS. Diggins erklärte in einem Interview im französischen Fernsehen 1959 es wie folgt:

  • >> während des Gefechts wurde Langsdorff durch Granatsplitter verletzt und war für eine kurze Weile bewusstlos. Man muss davon ausgehen, dass er einen Zusammenbruch erlitten hatte, der seine Entscheidungen beeinflusst hat. Ansonsten wäre er nicht in Montevideo eingelaufen. Als er den Fehler erkannt hatte, befand er sich schon in der Falle und konnte nicht mehr zurück << […].

Capt. P. Dove, Kpt. der "Africa Shell" schrieb später in seinem Buch, dass, nachdem sie in Montevideo eingelaufen waren, er Langsdorff in seiner Kabine aufgesucht hat, um sich bei ihm zu verabschieden:

  • >>Ich war überrascht, wie verändert er war. Für einen Moment konnte ich kaum glauben, dass es derselbe Kommandant war, zuvorkommend, geistreich, überaus zuversichtlich, wie ich ihn vorher kannte. Auch sein Aussehen hatte sich verändert. Er hatte Verletzungen im Gesicht, bewirkt durch Granatsplitter und er hatte sowohl seinen Oberlippen- als auch seinen Kinnbart abrasiert. Sein rechter Arm befand sich in einer Armschlinge. Obwohl Vertrauen und Frohsinn ihn verlassen hatten, Höflichkeit, die einen Ehrenmann ausmacht, blieben unverändert. Es war keine Verbitterung im Ton, als er mich begrüßte<< […].
  • Auch die beiden uruguayischen Offiziere, KKpt. Valera und KptLt. (Ing.) Fontana, die am Morgen nach dem Einlaufen in Montevideo, als Erste an Bord kamen, berichten, dass, als sie Langsdorff in seiner Kabine antrafen, dieser Blutflecken am Kopf und im Gesicht hatte und ein Sanitäter dabei war seinen Arm zu verbinden.

Um es noch mal zu verdeutlichen, die äußerliche erkennbare Gewalteinwirkung, die Langsdorff ausgesetzt war, konnte noch 24 Stunden später nach Gefechtsbeginn erfasst werden. Und was das zu Boden angeht, kann man das am Beispiel eines Boxers ggf. begreifen: nach 10 Sek. (!) wird dieser aus dem Kampf genommen, weil berechtigterweise angenommen wird, dass er nicht die physischen oder psychischen Voraussetzungen erfüllt fortzufahren.

 

Man muss im vorliegenden Fall kein Mediziner sein, es reicht der gesunde Menschenverstand, um diese hohe Gewalteinwirkung auf einen Menschen zu erkennen. Daher ist es geradezu drollig, dass dieser signifikante Vorfall in der deutschen "Graf Spee - Literatur" bisher kollektiv "als Fußnote" behandelt wurde.


Die Entschlussfassung

 

Die Frage nach den Gründen der Entscheidung Montevideo anzulaufen, ist so alt wie die Begebenheit selbst. Die Gründe werden bis heute diskutiert, analysiert und mit Hypothesen befrachtet – vermutlich war es eine Addition aus dem Ist-Zustand der Lage und dem menschlichen Status. Militärisch betrachtet war es auf jeden Fall ein Fehler.

  • Man muss die Entscheidung im Kontext zu den Gefechtsschäden und darüber hinaus, zweifellos die humane Komponente, sehen: Die gefallenen Seeleute und die vielen Schwer- und Schwerstverletzten. Annähernd 100 Mann.
  • Die Sachschäden waren quantitätsmäßig eher gering, qualitätsmäßig aber doch erheblich. Beschädigung der Schiffswand an Backbord - großes Leck eben oberhalb der Wasserlinie. Ausfall aller Kombüsen, des Frischwassererzeugers und der gesamten Treib- und Schmierölreinigungsanlage.
  • Mit diesen signifikanten Schäden, die mit Bordmitteln nicht zu beheben waren, war aus Sicht von Langsdorff, ein Rückmarsch nach Deutschland nicht machbar. Also musste eine Lösung her, die im Prinzip darin bestand, Hilfe einer Werft in Anspruch zu nehmen.
  • Ein mögliches Einlaufen in den Hafen von Buenos Aires kam nicht in Betracht, weil die einzige Zufahrt, der "Canal Indio" und "Canal Intermedio", eine sehr schmale Rinne und das Wasser des "La Plata" sehr sandig und bisweilen schlammig ist. Bei einer möglichen geringen Wassertiefe hätte das für die Wasserkühlung der Maschinen – die Ansaugventile befanden sich am Schiffsboden - verheerend sein können.
  • Anfangs hatte man "Rio Grande do Sul" – Brasilien und "Puerto Belgrano" - Argentinien in Erwägung gezogen, aber dass hätten weitere 326 sm nördlich bzw. 415 sm südlich bedeutet. Es ist nicht bekannt, wie der Lt.Ing. KKpt. Klepp die Belastbarkeit der beschädigten Anlagen bewertete, aber seine Erwartungen hielten sich sicherlich in Grenzen. Also entschied Langsdorff das Naheliegende: den Hafen von Montevideo.

Möglicherweise wurde dieser Entschluss auch durch die Annahme getragen, dass durch die Souveränität Uruguays die erklärte Neutralität entsprechend belastbar sein würde. Tatsächlich war die Situation bekanntlich, sowohl politisch als auch infrastrukturell, in Uruguay eine ganz andere.

 

  • Diese vorherrschende Situation war aber Langsdorff erwiesenermaßen nicht bekannt. Wie auch die politische Lage der südamerikanischen/südafrikanischen Atlantikanrainer überhaupt.
  • Ob die Erfahrungen, wie es im KTB vermerkt ist, dass die Funkstation "Cerrito" in Montevideo als "Küstenfunkstelle des britischen Marineattachés" - MI6 – arbeitete, die die Funksprüche an Falkland absetzte, um diese weiter an die britischen Kriegsschiffe zu reichen, sodass hier von einer Unterstützung der britischen Seekriegsführung auszugehen war, ggf. für eine Warnung ausgereicht hätten muss offenbleiben.

Aus der Einlassung des I NO KKpt. Wattenberg ergibt sich folgendes Bild:

  • >> Als Langsdorff auf die Brücke kam, stellte er fest, dass die Schäden nicht mit eigenen Mitteln zu reparieren wären und dass das Einlaufen in einen Hafen notwendig wäre, um die Reparationen vorzunehmen. Es sollte festgestellt werden, ob Montevideo oder Buenos Aires dafür infrage kommen. In diesen Moment kam auch FKpt. Ascher, den Langsdorff hatte kommen lassen, dazu. Ich sprach mit ihm Kartenraum, kurz, nachdem Langsdorff den Einlaufbefehl für einen Hafen erteilt hatte, was uns beiden nicht gefiel. Wir hatten den Eindruck, Langsdorff wollte genauso verfahren, wie die britischen Kreuzer, die häufig in Rio de Janeiro, Montevideo oder andere Häfen einliefen. Bisher hatte uns Langsdorff so hervorragend geführt, dass wir dachten, er müsse wissen, was er tue. Später haben wir bereut, ihn nicht von dieser fatalen Entscheidung abzuhalten <<[…].

Wohl aber muss diese Situation der Abwehr in Berlin bekannt gewesen sein, dessen Leiter Adm. W. Canaris war. Dieser hatte die Leitung der deutschen Abwehr bereits seit Januar 1935 übernommen.

  • Canaris, der sich 1907 an Bord des Kreuzer "Bremen" befand, half wesentlich dem Kommandanten der "Bremen" bereits 1908 ein Informanten-System in Argentinien und Brasilien aufzubauen. Er lernte schnell die spanische Sprache und beherrschte diese bald fließend. Als Adjutant erhielt er frühzeitig Zugang zu militärischen und wirtschaftlichen Persönlichkeiten der Länder, in deren Gewässern die "Bremen" vor Anker lag. Im Ersten Weltkrieg leistete dieses Informantensystem dem Ostasiengeschwader von Maximilian von Spee in der Feindaufklärung wertvolle Dienste. Um 1935 hatte er auch ein Informantennetz in den USA und Südamerika aufgebaut. Die Situation in Uruguay kann also für die Abwehr nicht unbekannt geblieben sein.

Das ergibt sich auch aus nachstehendem Vorgang:

  • Nachdem Langsdorff morgens gegen 08:15 Uhr OZ bereits mit einem FT das Gefecht an die Skl. gemeldet hatte, meldete er gegen 19:30 Uhr OZ mit einem zusätzlichen FT die Anzahl der erhaltenen Treffer und die Schäden. Und weiter, dass er Montevideo anlaufen würde. Noch am selben Abend erfolgt mit FT die Zustimmung! der Skl. aus Berlin. Langsdorff konnte also von der Korrektheit seiner Entscheidung ausgehen.

Im KTB der Skl. in Berlin ist folgendes notiert:

  • Die Seekriegsleitung sieht bei der Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse keine Möglichkeit, dem Kommandanten eine seinen Entschluss abändernde Weisung zu erteilen.
  • >> Die Persönlichkeit des Kommandanten, KpzS. Langsdorff, bietet die Gewähr, dass vonseiten des Schiffskommandos alles getan wird, um das Panzerschiff der weiteren deutschen Seekriegsführung zu erhalten. Falls dies nicht möglich sein sollte, einen ehrenvollen Verlust des Schiffes unter größtmöglicher Schädigung des Gegners zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang ist jetzt schon festzustellen, dass die Wahl eines Hafens von Uruguay zu Reparaturzwecken nicht günstig war. Wahrscheinlich ist sie vom Kommandanten erfolgt, da er von Montevideo aus noch die beste Möglichkeit sah, nach Wiederherstellung des Schiffes den Durchbruch in die freie See zu erkämpfen. Uruguay ist jedoch als schwacher Neutraler völlig in der Hand der Feindmächte, besitzt zu dem eine englandhörige Regierung und wäre, auch wenn es wollte, nicht in der Lage, seinen Willen zu voller Neutralität durchzusetzen. Die Skl sieht es daher als möglich an, dass die uruguayische Regierung dem Panzerschiff nicht die zu einer Reparatur erforderliche Zeit gewährt oder sogar über kurz oder lang unter dem Druck der Westmächte sich in die Front der offenen Gegner einreiht << […].
  • Die zentrale Frage muss doch also sein: wenn die Skl. die Situation in Uruguay so gut kannte, warum ist dann Langsdorff nicht zumindest gewarnt worden! Er hätte dann zumindest die theoretische Möglichkeit gehabt, tatsächlich den argentinischen Marinestützpunkt Puerto Belgrano in Bahia Blanca anzulaufen.

Diese Frage wird nie mehr beantwortet werden können, Dokumente, die darauf zielen, sind in den Archiven nicht vorhanden.


Der Bericht an das Direktorium der Marinekriegsschule in Buenos Aires

 

Wenden wir uns also der Frage zu, wie Langsdorff von Anfang an die Gesamtsituation an diesen Tag betrachtete, einschätze, wie er das Ergebnis interpretierte und wie er das Einlaufen in Montevideo im Nachhinein beurteilte. Im KTB ist, wie oben schon erwähnt, nur eine kurze Darstellung der Lage, via Telegramm, an das OKM übermittelt – das reicht nicht aus. Auch keiner seiner Offiziere hat sich jemals nachhaltig zu der Sachlage geäußert, was eine Orientierungshilfe für diese Frage sein könnte – es herrschte über solchen Dingen immer "Sprachlosigkeit".

 

Wäre da nicht der Bericht von FKpt. Eduardo Aumann. Über das intensive Gespräch, das er mit Langsdorff nach seiner Ankunft in Buenos Aires geführt hatte, wurde schon an andrer Stelle informiert, allerdings sehr verkürzt und mit dem Hinweis, dass der Bericht noch einmal ins Zentrum gerückt werden muss. Grund ist, weil Langsdorff hier schon mit seiner Schilderung Antworten liefert.

 

Ob Aumann auch davon wusste, dass Langsdorff zweimal verwundet wurde, wobei der zweite Vorfall eine Bewusstlosigkeit durch ein Schädel-Hirn-Trauma war und zusätzlich auf die Psyche gewirkt hat, ist nicht bekannt, zumindest wird es im Bericht nicht erwähnt, aber angesichts eines solchen detaillierten Berichtes ist davon auszugehen, das wäre es erwähnt worden, dieses sicher auch angeführt worden wäre.

 

Daher ist es nicht nur wichtig, wie Aumann seine persönlichen Eindrücke vom Menschen Langsdorff schildert, sondern auch an welchen Stellen des Gesprächs er den jeweiligen Eindruck lebendig werden lässt. Deshalb ist die Übersetzung auch keine schlichte Zusammenfassung, sondern unter Berücksichtigung der jeweiligen Synonyme, detailliert erarbeitet. Anm. d. Aut.


Der Bericht ist datiert auf den 29. Dezember 1939, er ist an das Direktorium der Marinekriegsschule in Buenos Aires gerichtet und informiert über das lange Gespräch, das er mit Langsdorff am Tag vor seinem Tod geführt hatte.

 

>> Ein paar Stunden vor seinem Tod, in seiner Unterkunft im Marinearsenal der Dársena Norte, sprach ich mit KptzS. Hans Langsdorff, Kommandant der "Admiral Graf Spee" <<.

 

Er sagte mir, sein Auftrag bestand ausschließlich darin, einen Handelskrieg zu führen, den Schiffsverkehr am Rio de la Plata anzugreifen und mindestens zwei feindliche Handelsschiffe zu zerstören, wissend um das Risiko, einem britischen Kreuzer zu begegnen. So ein Feind machte ihm aber keine größeren Sorgen, da er zweifellos die Gewissheit hatte, mit ihm fertig zu werden.

 

Aber im Morgengrauen des 13. Dezember hatte er die unangenehme Überraschung, sich gleich mit drei feindlichen Schiffen auseinanderzusetzen, von denen einer sofort als "Exeter" - Typ erkannt wurde, während die anderen beiden zunächst als Zerstörer erschienen. Nach einer gewissen Zeit aber wurden sie als Kreuzer erkannt; es waren "Ajax" und "Achilles".

 

Zunächst beschloss er, den stärksten Feind anzugreifen - das war der "Exeter". Es war so, dass wenige Minuten nach 06:00 Uhr er das Feuer eröffnete - auf etwa 22.000 m. Während die zwei Leichten Kreuzer, die anfänglich mit dem "Exeter" in Formation kamen, nun geschickt sich in eine günstige Position manövrierten, um anzugreifen, ohne dass er in der Lage war, denen, mit seinen vier 15 cm Geschützen einen größeren Schaden zuzufügen, gegenüber den sechzehn Geschützen gleichen Kalibers des "Ajax" und "Achilles".

 

Kapitän Langsdorf äußerte großer Bewunderung für den entschlossenen und mutigen Angriff der beiden Leichten Kreuzer, die, so sagte er, wie Zerstörer angriffen mit häufigem Zickzack und so mit hoher Geschwindigkeit, die Distanz zur "Graf Spee" verkürzten.

 

Es versteht sich, sagte mir Kapitän Langsdorff, dass die Bedingungen sich praktisch so entwickelten, dass diese Schiffe tatsächlich ein Zielschießen veranstalteten und man muss hinzufügen, dass durch die Abstandsverkürzung eine Situation eintreten würde, wo mir der Beschuss nicht mehr ohne Belang sein würde und dass sich die Möglichkeit ergeben würde, dass sie ihre Torpedos ungestraft benutzen konnten.

 

Unter solchen Bedingungen musste ich mit meinem Schiff heftig manövrieren und weiter musste ich mit meiner schweren Artillerie einen der Leichten Kreuzer unter Feuer nehmen, um sie auf Distanz zu halten; es war so, dass ich gezwungen wurde, einige Zieländerungen vorzunehmen, um die volle Leistung meiner Artillerie zu nutzen. Weiter sagte er, dass der "Exeter" sich sehr effektiv einnebelte und so sich bei zwei Gelegenheiten vollständig verstecken konnte. Während die Leichten Kreuzer mutig Angriffen und etwa einer Distanz von 7800 Metern erreichten.

 

Eine Annäherung, die sie immer mit einem solchen Schiff bei einem Gegner, wie es das Panzerschiff "Graf Spee" war, für sehr schwierig gehalten hatten.

 

Nach den Aussagen von Kapitän Langsdorff wurde der Kampf nach einer und eine viertel Stunde nach Beginn unterbrochen, das heißt um 07:30 Uhr, als der "Exeter" sich aus dem Gefecht zurückzog, sehr beschädigt durch Qualmsäulen verdeckt.

 

Die "Graf Spee" drehte bugwärts etwa nach Westen, während die Kreuzer "Ajax" und "Achilles" den Kontakt hielten, einer auf jeder Seite, in beträchtlichen Abstand.

 

Kapitän Langsdorff machte deutlich, dass ein Moment eintrat und die Umstände es notwendig machten, eine Entscheidung zu treffen und der, die Erfordernis beinhaltete, zwischen den Häfen von Rio Grande do Sul, Montevideo oder Puerto Belgrano zu wählen, um dort einzulaufen.

Er sagte, dass Rio Grande aus naheliegenden Gründen sofort verworfen wurde und dass er sich für Montevideo entschied; aber dass er "nachträglich" erkannt hat, dass seine Entscheidung, durch die Umstände erzwungen, nicht die beste war und dass im Rückblick betrachtet seine Analyse ihn zur Schlussfolgerung geführt hatte, dass es besser gewesen wäre, Puerto Belgrano aufzusuchen.

 

Demzufolge stellte er klar, dass er dringend einen Hafen anlaufen musste, obwohl sein Schiff, im Hinblick auf das heftige Gefecht lächerliche Schäden hatte, diese doch die Seetüchtigkeit beeinträchtigten. Hinzu kam, dass Lebensmittel übernommen werden mussten, zumal es unverantwortlich gewesen wäre, mit mehr als 1000 Mann auf hoher See zu bleiben und mit einer Lebensmittelreserve für drei Tage.

 

>> Ich hatte den Eindruck, dass Kapitän Langsdorf seine Entscheidung getroffen hatte, nach Montevideo zu gehen, mit einer ziemlichen Hast und unter dem Druck einer beharrlichen Idee, die ihn beunruhigte und die meiner Meinung nach der Gestalt war, dass er vermeiden musste mit einem Schiff in eine Situation zu geraten, wo er Schäden erhalten würde, die ein Fortsetzen eines Handelskrieges und den Rückmarsch in die Heimat verhindern könnten. <<

 

Anderseits hatte es den Anschein, dass Kapitän Langsdorff es bedauerte, die Zerstörung des "Exeter" nicht zu Ende geführt zu haben und ein gleiches Gefühl der Reue scheint in ihm aufgekommen zu sein, sobald er eine genaue Vorstellung der wahren Situation bekam, die ihm Montevideo bereithielt; gleichwohl könnte ihn die Furcht beeinflusst haben, ohne Munition auszukommen.

 

Anderseits scheint es, dass er glaubte, das die "Barham" und vielleicht die "Renown" dabei waren, unmittelbarer in Aktion zu treten; das leite ich aus den

Überlegungen ab, die er mir, bezüglich des seltsamen Verhaltens der beiden britischen Kreuzer im Laufe des Tages, so sagt, er, die Beobachtungen mit sich brachten.

 

Der Kampf scheint weniger als 300 Meilen von Montevideo entfernt stattgefunden zu haben und östlich von diesem Punkt; Kapitän Langsdorff erzählte mir auch, dass weder er noch der Erste Offizier, den Südatlantik befahren hatten und dass sie sich nie haben vorstellen können, dass der Hafen von Montevideo im Besonderem und der Rio de la Plata im Allgemeinen, sich als so eine "ungeheure Mausefalle" herausstellen würde. Gleichermaßen sagte er mir, dass er es sich auch nicht vorstellen konnte, dass das sich annähern der Isla de Lobos solche Unannehmlichkeiten bereiten würde, die er sich konfrontiert sah.

 

In diesem Zusammenhang glaube ich, dass er auf die möglichen Schwierigkeiten hinweisen wollte, die sich für die Motoren hätten ergeben können, da bekannt war, dass die Ansaugventile für die Wasserkühlung sich am Schiffsboden befanden; es ist auch möglich, dass sich Vibrationen am Schiffsrumpf ergeben haben aufgrund der geringen Wassertiefe.

 

Es war nicht möglich, von Kapitän Langsdorff eine befriedigende Erklärung zu erhalten hinsichtlich der Gründe, die ihn dazu veranlassten, in den Hafen von Montevideo einzulaufen.

Und in dieser Hinsicht habe ich den Eindruck, dass er den Fehler seiner Entscheidung zutiefst bedauert hat, weil er mehrmals wiederholte, dass er nach Puerto Belgrano hätte gehen sollen.

Auf der anderen Seite äußerte er eine tiefe Verbitterung für das, was er als eine flagrante Verletzung des Völkerrechts durch die Regierung von Uruguay nannte, als die ihm nicht erlaubten, die Seetauglichkeit seines Schiffes wiederherzustellen.

 

>> Aus den obigen Gründen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Kapitän Langsdorff die Entscheidung in Montevideo einzulaufen in einer Situation traf, die schwer zu erklären ist, wo ihm die Klarheit seiner Urteilsfähigkeit fehlte, ausgelöst durch den Gefechtslärm und erdrückt durch das Gewicht der Verantwortung, der er durch außergewöhnliche und unvorhergesehene Umstände ausgesetzt war. <<

 

Weiter erzählte Kapitän Langsdorff das einmal in Montevideo und als ihm es abgelehnt wurde, die Seetauglichkeit seines Schiffes wiederherzustellen, was, seiner Meinung nach, 8 bis 10 Tage Arbeitstage Verweildauer bedeutet hätte, er sich nach 18:15 Uhr und vor 20:00 Uhr am Sonntag des 17. Dezember in See hätte begeben müssen, mit seinem Schiff in einem kritischen Zustand.

 

Die Anordnung der Regierung von Uruguay stellte ihn vor die Zwangslage, zwischen einer Internierung oder einem Gefecht mit feindlichen Schiffen wählen zu müssen, die den Rio de la Plata blockierten. Die Internierung des Schiffes in Montevideo war inakzeptabel, da Uruguay keine Garantien für seine Neutralitätszukunft bieten konnte und das führte zu der Gefahr, dass, wenn dieses Land in den Krieg eintreten würde, das Schiff in die Hände der Briten fallen würde; er sagte, nach Buenos Aires konnte er nicht kommen, weil die Motoren das schlammige Wasser des Zugangkanals nicht aushalten würden.

 

Die andere Lösung, die ihm blieb, den Kampf wieder aufzunehmen, hätte er gerne angenommen, aber er sah sich gezwungen die zu verwerfen, aus dem einfachen Grund, dass die genaue Begrenzung der Abfahrtszeit des Auslaufens aus dem Hafen zwischen um 18:15 und 20:00 Uhr ihn absolut sicher machte, dass er den Kampf in einem Bereich des Rio de la Plata hätte. Akzeptieren müssen, wo die geringe Tiefe nicht garantiert hätte, dass einmal die Munition verbraucht, die ihm geblieben war und wenn er entschieden hätte, sein Schiff zu versenken, dieses unter der Wasseroberfläche verschwunden wäre.

 

Unter derlei Bedingungen blieb die Möglichkeit, dass der Feind sich dem Rumpf bemächtigen und schwimmfähig machen würde und es im Triumph nach Großbritannien bringen würde. Aus diesen Gründen entschied er, das Schiff in der Art zu sprengen, wie er es tat, es ist allgemein bekannt, dass er damit das Leben von mehr als 1.000 Männern rettete, und vermied, dass die Briten sich einen Sieg aneignen würden, der für politische Absichten ausschlachtet werden würde.

 

Zum Schluss, und zum Ende zu kommen, machte mir Kapitän Langsdorff deutlich, dass er überzeugt ist, dass das Gefecht vom 13. Dezember vielleicht das wichtigste Marinegeschehen war für den gegenwärtigen Krieg; dass die Erfahrung, die er mit seinem Schiff gemacht hatte, ihn zu der Überzeugung geführt hat, dass Deutschland dieses System Krieg zu führen aufgeben müsste und stattdessen sich allen Anstrengungen der U-Boot-Kriegsführung widmen sollte und der Minen-Blockade, weil die Risiken, denen sich ein Schiff wie die "Admiral Graf Spee" im Handelskrieg ausgesetzt hat, zu groß sind, wenn man berücksichtigt, dass jeder Schaden die Existenz des Schiffes, das einen Operationsauftrag ausführt, gefährden, kann, ohne jegliche Unterstützung und Versorgung.



Aus dem KTB geht hervor, dass Langsdorff sich bereits einen Tag nach dem Einlaufen in Montevideo, und nachdem der Sachverständige, Baurat Krankenhagen, und der LI KKpt. Klepp den Zustand des Schiffes in Hinblick auf die Wiederherstellung Seetüchtigkeit, begutachtet hatten, im Klaren war, dass seine Überlegungen, die ihn dazu führten, Montevideo anzulaufen, hinfällig waren.

 

Ein Telegramm an das OKM über die Gesandtschaft in Montevideo – Nr. 181 v. 15. 12. 39 beschreibt die Lage.

 

  • Zusammenfassend wird berichtet, dass der geforderte Zeitraum, um das Schiff zu reparieren, um die Seetüchtigkeit wiederherzustellen, der von der uruguayischen Regierung abgelehnt wurde, nicht weitergeholfen hätte. Ein anschließender Durchbruch, ohne Unterstützung eigener Marineeinheiten, wäre nicht möglich gewesen. Denn auch wenn die Gefechtsschäden repariert gewesen wären, nur auf die hätte es einen Anspruch gegeben, wären die Verschleißschäden geblieben. Die Maschinenanlage, die das doppelte an Betriebsstunden abgeleistet hatte und erhebliche Ermüdungserscheinung zeigte, wie unrunde Kolbenstangen, Risse im Fundament und Zylindern, sodass eine Geschwindigkeit von mehr als 17 sm keine Betriebssicherheit mehr gewährleistete. Das bedeutete, dass die zunehmende Zahl und Stärke der britischen Kriegsschiffe einen Durchbruch kaum zugelassen hätte und wenn doch, dann wäre es nicht möglich gewesen bei der Einschränkung der Geschwindigkeit, die Fühlungshalter abzuschütteln.
  • Darüber hinaus muss auch erwähnt werden, dass von der Munition für die Schwere Artillerie nur noch 50 Salven vorhanden waren, die Mittlere Artillerie war durch den Ausfall zweier Munitionsaufzüge stark behindert und von der Schweren Flak. waren 2/3 ausgefallen – hinzu kam, dass das Haupt - E-Meßgerät durch eine beschädigte Optik auch unbrauchbar war. Und eine Versorgung mit Munition in einem neutralen Hafen sieht die Genfer Konvention nicht vor.

Langsdorff blieben nur folgende Möglichkeiten, und die übermittelte er via Telegramm auch dem OKM über die Gesandtschaft in Montevideo – Nr. 183 vom 15.12.39

  • Schiff und Besatzung in Uruguay zu internieren.
  • Auszulaufen und mutmaßlich kämpfend unterzugehen.
  • Einen Durchbruch nach Buenos Aires, trotz der Wassertiefe des La Plata, wagen.
  • Das Schiff bei genügender Wassertiefe zu versenken.

Die Antwort der Skl. kam prompt – mit Telegramm Nr. 270 vom 16.12.39

  • Im Prinzip kurz zusammengefasst, dass eine Internierung in Uruguay nicht infrage käme, darüber hinaus aber Langsdorff volle Entscheidungsfreiheiten hätte. Also die vergleichbare Haltung, die schon die Notierung im obigen erwähnten KTB der Skl. in Berlin.

Die weitere Entwicklung ist bekannt. Nach dem Langsdorff mit seinen Stabsoffizieren, IO Kay, LI Klepp, NO Wattenberg und in Anwesenheit des Marineattaché Niebuhr die Lage besprochen hatte und die Aussichten eingeschätzt waren, wurde der Skl. gemeldet, dass ein Durchbruch nach Buenos Aires nicht möglich ist und dass der Kommandant die wirksame Zerstörung des Schiffes durch Sprengung angeordnet hat.

 

Aus dem obigen Bericht von FKpt. Aumann geht die aussichtslose Lage, in der sich Langsdorff befand und die er so trefflich beschreibt, gut hervor. Auch der Entschluss, warum er in Montevideo einlief, wird deutlich. Die Folgen daraus sind bekannt.


Schwerer Kreuzer HMS "Exeter"

Der Wahlspruch: "Semper fidelis"

York-Klasse - 8390 ts - 32 kn

Leichter Kreuzer HMS "Ajax"

Der Wahlspruch: " Non other than Ajax"

 Leander-Klasse - 7270 ts - 32,5 kn

Leichter Kreuzer HMNZS "Achilles"

Der Wahlspruch: "Braverly in Action"

Leander-Klasse - 7270 ts - 32,5 kn