Das Schicksal einer jeden Besatzung ist eng mit dem Auftrag und dem Ziel ihres Schiffes verbunden - besonders, wenn es sich um ein Kriegsschiff handelt, das in Kampfhandlungen verwickelt wird.

 

Aber auch im günstigsten Fall: Die "Graf Spee" und ihre Besatzung hätten ihren Heimathafen Wilhelmshaven erreicht, wie wäre es weiter gegangen? - der Krieg hatte erst gerade begonnen. Viele der jungen Besatzungsmitglieder wären zur U-Bootflotte versetzt worden, bzw. freiwillig gegangen. Zum einen, weil man Menschenmaterial brauchte, zum anderen, weil man Teil einer elitären Einheit wurde.

 

Von 40.000 U-Boot-Fahrern kamen bekanntlich über 30.000 nicht zurück - die Wahrscheinlichkeit zu überleben, wäre eher gering gewesen. Durch die Entscheidung, die Internierung zu wagen, hatte Langsdorff die Weichen, die die damalige Entwicklung für jedes Besatzungsmitglied vermutlich bereits gestellt hatte, im Prinzip von Grund auf korrigiert.

Das galt aber nicht für alle. Alles Weitere im Abschnitt "Geglückte Flucht – tragisches Ende"


Vergangenheit

 

Nach dem Krieg, ab dem Jahr 1947, kehrte eine beachtliche Anzahl ehemaliger Besatzungsmitglieder, nennen wir sie ab jetzt

"Speefahrer", nach Südamerika zurück.

Während es etwa zehn Mann waren, die nach Uruguay zurückgingen, viele andere wurden ja, wie schon beschrieben, aus humanitären Gründen gar nicht erst nach Deutschland zurückgebracht, waren es sicher deutlich über 200 Mann, genaue Zahlen liegen nicht vor, die nach Argentinien zurückgingen.

 

Sie kehrten überwiegend an die Orte zurück, wo sie einmal interniert waren und wo sie bereits in Familien integriert waren, mit einer Ausnahme: die Insel Martin Garcia – dort wollte sicher keiner wieder hin.

 

Die Männer, die zusätzlich in der Internierung eine Anstellung hatten, konnten die Tätigkeit in der Regel wieder aufnehmen.

 

Wenig später gründeten sich in den unterschiedlichen Provinzen sogenannte Speekreise. Man traf sich regelmäßig und irgendwann wurde an öffentlichen zugänglichen Plätzen, nach Absprache mit der jeweiligen örtlichen Verwaltung, ein Areal mit einem Gedenkstein, Holzkreuz, o.ä. mit einer angebrachten Tafel gesetzt, die an die Vorgänge vom Dezember 1939 und den gefallenen Besatzungsmitgliedern der "Graf Spee" erinnerten.




Die Speegemeinschaft in Argentinien

 

Auch in Buenos Aires wurde ein Speekreis gegründet. Anfangs nannte er sich "Circulo de Camaradas Graf Spee" - Buenos Aires - Der Ausweis in Leder, ausgefüllt mit Vor- und Nachname, enthielt auch ein Passbild, einen Stempel und die Unterschrift des damaligen Leiters. Auch eine Anstecknadel gehörte dazu – Wappen mit Anker.

 

Wann die Gründung genau erfolgte, kann dokumentarisch nicht belegt werden. Der Ausweis enthält weder ein Datum noch eine Mitgliednummer. Aus Buenos Aires war vor Jahren zu erfahren, dass es darüber keine Schriftstücke gibt. Ob das so ist oder diese auf wundersamer Weise in irgendeinen Privatbesitz wechselten – beides ist möglich.

  • Jedenfalls muss es bereits Anfang der 1950er Jahre gewesen sein, denn Frau Jerichow und die zwei Kinder, erreichten Argentinien schon Weihnachten 1948.
  • A. Jerichow, einst Ob.Wachmstr. auf der "Graf Spee" und später in der Internierungszeit im "Speebüro" tätig war, und das belegt seine Unterschrift im Ausweis meines Vaters, demnach der erste Leiter.

Die Treffen fanden monatlich statt. Weiter wurden im Lokal "Nino" in Olivos, Feiern wie Tanzfeste oder Weihnachtsfeiern veranstaltet. Besonders anzumerken sei, dass die Treffen immer auch von "öffentlichem Charakter" waren, das heißt, dass sowohl Verwandte, Freunde, aber auch Argentinier, die nichts mit dem Spee-Ereignis zu tun hatten, außer dass sie sich interessiert zeigten, immer willkommen waren und so eine Akzeptanz für diese Treffen und der dahinter stehenden Geschichte geschaffen wurde.

  • Zu erwähnen wäre noch, dass ab 1952 die Speegemeinschaft über eine Heckflagge der "Graf Spee" in Besitz war und die vom jeweiligen Leiter treuhänderisch verwahrt wurde. Diese RK-Flagge befand sich, neben anderen Objekten, all die Jahre in der deutschen Botschaft. Dr. Terdenge, der erste Boschafter in Buenos Aires nach dem Krieg, übergab diese Rasenack als "ständige Leihgabe". Wie vor einigen Jahren zu erfahren war, ist diese Flagge veruntreut und seitdem nicht wieder zurückgegeben worden.

Warum Jerichow nur eine sehr kurze Zeit als Leiter diente, ist nicht bekannt. Lag es möglicherweise an dem Umgang miteinander, der auch nicht immer sehr freundlich war oder waren es gesundheitliche Gründe, jedenfalls bestand danach kein Kontakt mehr - er verstarb bereits im Jahr 1962.

  • Ab dem Jahr 1954 übernahm die Führung F.W. Rasenack, einst OLtzS. auf der "Graf Spee". Er flüchtete aus der Internierung im April 1940, mit Unterstützung der Deutschen Botschaft in Buenos Aires, nach Deutschland. Kehrte aber, mangels jeglicher Perspektive, im Juli 1948 nach Argentinien zurück – seine Frau und die drei Kinder, erreichten Argentinien Weihnachten 1949.
  • Unter seiner Leitung fand eine Umbenennung statt, wie es auf der linken Abbildung zu lesen ist. Wann das genau geschah, ist auch nicht bekannt, aber ab dem Jahr 1960 finden sich Schreiben mit dem neuen Corporate Design.

Im Jahr 1980 zog sich Rasenack zurück und ließ sich mit seiner Familie in La Falda – Córdoba - nieder.

  • Die Leitung übernahm nun A. Tetzner, einst Ob.Stck.Mstr. auf der "Graf Spee" und später in der Internierungszeit auch im Speebüro tätig.
  • Nach seinem Tod Ende 1990, übernahm die Leitung H. Bluhm, einst Btsm.Mt. auf der "Graf Spee" – I. Div. und nach dessen Tod 1998, übernahm K. Wecker, einst Matr.Gefr. auf der "Graf Spee" – I. Div. die Verantwortung.
  • Das Jahr 2002 markierte allerdings eine Zeitenwende. Zum ersten Mal übernahm eine Person die Leitung, die mit der "Spee-Geschichte" nichts zu tun hatte. Sein Name: Dr. Carlos D`Anna. Sein Beruf: Jurist.

Die genauen Gründe sind für diese Leitungsstruktur nicht schriftlich nachzuvollziehen, aber offenbar war ein Vakuum entstand, da eine geeignete Folge aus dem Kreis der Speefahrer nicht mehr zu organisieren war. Inzwischen hatten sich allzu viele bereits auf ihre "letzte Reise" begeben. Denkbar wäre es gewesen, dass einer der Junioren die Aufgabe übernommen hätte, aber viele der Väter hatten es wohl versäumt, sich vom Dritten Reich zu distanzieren. Allein die Hakenkreuze auf den Grabkreuzen "überlebten", nach Ende des Krieges darüber hinaus, mehr als 40 Jahre und zehn in Buenos Aires akkreditierte deutsche Botschafter.

Die angedachte Entfernung dieser Symbole von den Grabkreuzen 1989 gab Anlass zu einer Spaltung in Argentinien! Ob das die gesamte Speegemeinschaft betraf, hüben wie drüben, oder nur einseitig, ist nicht genau zu beantworten. Auf alle Fälle fühlte sich die heimische Speekameradschaft in Buenos Aires zum wiederholten Mal bevormundet.

Nebenstehend ein Auszug aus der "Spee-Info". Teile der deutschen Speegemeinschaft waren 1989 zum 50. Gedenken nach Argentinien gereist.


Wie auch immer, die Leitung übernahm nun eine Person, die mit der Spee-Geschichte nichts zu tun hatte und bis dahin anfangs nur zu Gast auf den Treffen war – ob der Versuch am Ende eine glückliche Lösung darstellte, ist bisher nicht kommentiert worden.

  • Gleichwohl hatte der neue Leiter dafür gesorgt, dass im Jahr 2006 an der Grabstätte die Kreuze mit Bootslack gestrichen, die Buchstaben und Zahlen mit Silberfarbe nachgezogen und die Ketten der Umrandung schwarz lackiert wurden.

Diese Maßnahme sorgte nicht nur für Überraschung, sondern wiederum für eine kollektive Begeisterung.

  • Im Dezember 2011 wechselte die Leitung erneut und es übernahm der Sohn eines Speefahrers die Sprecherrolle. Aus dem Beitrag des neuen Sprechers war zu entnehmen, dass diese Handlung mit begeistertem Beifall aufgenommen wurde – so der Sprecher über den Sprecher.
  • Damit war aber dieser Vorgang nicht beendet. In einem Beitrag in der "Spee-Info" im darauf folgenden Jahr 2012 begründete man den Führungswechsel damit, dass die Tätigkeit als Rechtsanwalt Dr. D`Anna nunmehr voll in Anspruch nimmt.
  • Nur zur informativen Abrundung – der Mann war zu dem Zeitpunkt 70 Jahre alt.
  • Und im selben Jahr, nur kurze Zeit später, ist der Satz zu lesen, der bestenfalls einer Fußnote gleichkam: >> Dr. D`Anna ist aus der "Bordkameradschaft des Panzerschiffes Admiral Graf Spee" ausgeschieden ist <<.

Weiteres ist auf der Unterseite: "Die Spee-Info im Wandel der Zeit" zu lesen.


Hier im Stadtzentrum konnte, im Unterschied zu den Speegemeinschaften in den verschiedenen Provinzen, auf Gedenksteine, etc. verzichtet werden, da das Grab des Kommandanten Langsdorff auf dem Friedhof "Cementerio de la Chacarita" Deutsche Sektion praktisch vor der Haustür lag. Und im Mittelpunkt all dieses stand natürlich die obligate Kranzniederlegung am 20. Dezember eines jeden Jahres am Grab von Langsdorff.

Es war immer ein stilles Gedenken und Dankbarkeit für einen Menschen dessen Standhaftigkeit, bei seiner Besatzung zu absolutem Zutrauen geführt und der jene vor dem sicheren Tod bewahrt hatte.

 

Ein Ausspruch, der zeitlebens von den Speefahrer genannt, von vielen Familien übernommen wurde und daher bis heute lebendig ist: >> Er war, wie ein Vater für uns <<[…].

 

Das Bild wurde am 25. März 1961 aufgenommen, anlässlich des Besuches der Fregatten "Hipper" und "Graf Spee". Im Hintergrund ist der Eingang zum Deutschen Friedhof, Str. Av. Elcano zu sehen - dieser gehört zum Friedhofkomplex "Cementerio de la Chacarita".

Es handelt sich hier um den Kameradenkereis "Spee". In der ersten Reihe vorne, von rechts der 2. ist mein Vater im Mantel und in die Kamera schauend und der 5. ist Rasenack im Anzug geradeaus schauend.


  • Später, als die ersten Söhne und Töchter "dem Kreis beitraten" wurde, auch für die eine Weihnachtsfeier arrangiert – auch ein Weihnachtsmann gehörte dazu. Und einige waren auch an den Gedenktagen dabei. So auch, als 1954 Frau Langsdorff mit Tochter Inge zu Besuch in Buenos Aires waren und mit den diversen Speekreisen, die eigens angereist waren, am der Gedenkfeier teilnahmen. Anlässlich des Besuches, wurde Frau Langsdorff vom damaligen deutschen Botschafter Sebel und Dolch übergeben.
  • Aber auch die Kriegsgegner von einst äußerten sich immer mit Respekt und Achtung über Langsdorff. Hätte er nicht diese Entscheidung getroffen, darüber waren sie sich im Klaren, hätten auch sie in einem erneuten Kampf einen gewaltigen Blutzoll geleistet. Seit den 50er Jahren kam es immer wieder vor, dass internationale Delegationen oder einzelne ausländische Besucher das Grab besuchten und Blumengrüße ablegten – das wurde schnell zu einer Tradition und ist es bis in die Gegenwart geblieben.
  • In seinem Buch "I was Graf Spee Prisoner“ berichtet Capt. P. Dove, Kapitän der "Africa Shell", voller Achtung und Wertschätzung über seine Begegnungen und Gespräche mit Langsdorff. Und Capt. C. Pottinger, Kapitän der "Ashlea", hatte auch an dem Begräbnis von Langsdorff teilgenommen und einen Kranz niedergelegt. Beide hatten übrigens in Montevideo, bevor sie von Bord gingen, ein Mützenband von Langsdorff zur Erinnerung bekommen – diese stammten von zwei Gefallenen und Langsdorff meinte ernst, dass sie diese haben sollten.
  • In Erinnerung an den Gegner von einst - dem Kreuzer HMS "Ajax" - ehrte die Stadt Ajax - Prov. Ontario in Kanada, das Andenken an Langsdorff mit einer Straßenbenennung – "Langsdorff Drive".


Im Jahr 1961 besuchten zwei Schulfregatten der "Bundesmarine" Buenos Aires. Es waren die Fregatten "Hipper" und "Graf Spee" - dieser Name war natürlich Programm.

 

Es war überwältigend, mit welcher Herzlichkeit und Freude die Besatzungen in Buenos Aires empfangen wurden. Es gab ein Kinderprogramm an Bord der Fregatten für die Söhne und Töchter der ehemaligen Besatzungsmitglieder der "Graf Spee".

 

Die deutschen Turnvereine in "Los Polvorines" und "Villa Ballester" veranstalteten Festabende für die Besatzungen und eine Abordnung der beiden Fregatten wurden in der "Casa Rosada" vom damaligen Präsidenten Frondizi empfangen.

 

Kurz und gut, Buenos Aires mit seine Einwohnern stand Kopf, nicht nur die Deutschen, auch die Argentinier, denn die ab Ende 30 konnten sich noch gut an die Dezembertage des Jahres 1939 erinnern. Diese Hauptstadt hatte schon oft ausländische Marineeinheiten zu Gast, aber so ein Aufsehen gab es bis dahin noch nie und hat sich auch nicht wiederholt.

Aber auch hier stand im Mittelpunkt die Ehrung mit Kranzniederlegung am Grab von Langsdorff.



Und wie gehen die entsprechenden Institutionen in Deutschland mit dem Spee-Ereignis um?

 

 Wie ehrt die Stadt Bergen auf Rügen ihren Sohn der Stadt?

  • Der Gedanke, am Geburtshaus von Hans Langsdorff eine Ehrentafel anzubringen, war bislang mit dem gesamten politischen Spektrum der Stadt Bergen, vier Parteien und zwei Bürgerbündnisse, nicht durchführbar und es ist auch keine Lösung in Sicht.

Wie würdigt die Deutsche Marine seit ihrer Aufstellung im Jahr 1956 einen Marineoffizier, der zu Beginn des Zweiten Weltkrieges sicher - militärisch betrachtet - einen Fehler machte? Als er diesen aber erkannt hatte, eine mutige und moralisch vorbildliche Entscheidung traf und Verantwortung für seine Männer übernahm?

  • Die Deutsche Marine, vormals Bundesmarine, hat es versäumt, rechzeitig ein Zeichen zu setzen. Stattdessen wird 1967 einer der damaligen modernsten Zerstörer nach dem Flottenchef Admiral Lütjens benannt. Dieser und weitere über 2000 Seeleute gingen damals mit der "Bismarck" unter – das wäre möglicherweise vermeidbar gewesen, hätte er ähnlich wie Langsdorff gehandelt. Aber der Ehrenbrauch, der in vielen Marinen der Welt nach wie vor lebt, lieber den Untergang des Schiffes und damit den Tod der Besatzung vorzuziehen, war stärker.
  • Oder wie der irische, später eingebürgerte argentinische, Admiral Guillermo Brown es formulierte: >> Es preferible irse a pique que rendir el pabellón! <<[…]

So eine Benennung würde die heutige Marine sicher nicht mehr tun, aber es war und ist eine verpasste Chance.

 

Und wie honoriert die "Politische Klasse" dieses Handeln, die die historische deutsche Verantwortung immer griffbereit hat, und wenn es opportun erscheint, diese fast gebetsmühlenhaft deklamiert. Es wird doch immer nach Persönlichkeiten Ausschau gehalten, deren Verhalten im 2. Weltkrieg Vorbildfunktion haben könnte!

  • Das ambivalente Verhalten, sowohl der Politischen Klasse als auch der Bevölkerung in Deutschland gegenüber der Bundeswehr, hat selbst schon was "Traditionelles". Allein die Absicht der Wiederbewaffnung führte 1952 nicht nur innerhalb der Parteiensysteme zu völlig konträrer Auffassungen, sondern war Anlass für die Gründung der "Ohne mich-Bewegung". Eine pazifistische Bewegung im Westdeutschland der Nachkriegszeit.
  • Dieses zwiespältige Verhalten hat sich im Volk, seit der Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955, nicht wesentlich geändert und da die politischen Repräsentanten dazu neigen sich dem Mainstream anzupassen ist ihr Verhalten oft nicht anders. Man könnte manchmal das Gefühl haben die Institution Bundeswehr ist ein notwendiges Übel.

Und auch der jüngste "Traditionserlass" aus dem Jahr 2018 lässt keinen Spielraum zu. Im Absatz "Klare Grenzen zur Wehrmacht" findet sich Folgendes:

  • Die Wehrmacht als Institution kann daher als Waffenträger des NS-Nationalsozialismus-Regimes auch weiterhin nicht traditionsstiftend für die Bundeswehr sein. Ausnahmen sind allerdings die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, die Angehörigen der Gründer- und Aufbaugeneration der Bundesrepublik Deutschland oder Personen, die sich um Recht und Freiheit verdient gemacht haben – sie haben Relevanz für die Traditionspflege der Bundeswehr.
  • Die Aufnahme einzelner Angehöriger der Wehrmacht in das Traditionsgut der Bundeswehr ist dagegen grundsätzlich möglich. Voraussetzung dafür ist immer eine eingehende Einzelfallbetrachtung sowie ein sorgfältiges Abwägen. Dieses Abwägen muss die Frage persönlicher Schuld berücksichtigen und eine Leistung zur Bedingung machen, die vorbildlich oder sinnstiftend in die Gegenwart wirkt, etwa die Beteiligung am militärischen Widerstand gegen das NS-Nationalsozialismus-Regime oder besondere Verdienste um den Aufbau der Bundeswehr.

Hans Langsdorff war weder ein Freiheitskämpfer noch ein Nazi, aber auch als Marineoffizier war er natürlich Wehrmachtsangehöriger. Solches vorbildhaftes Handeln, das durchaus auch bei manchen anderem Wehrmachtsoffizier ggf. zu nennen wäre, hat die Politik nicht bedacht.

 

Kurz und bündig - dazu können keine Beispiele genannt werden – es gibt schlicht keine.


Zum Abschluss eine unterhaltsame Anekdote. Auf der "Graf Spee" war bekanntlich viel Technik verbaut – so auch Kreiselkopasse. Diese hatten gegenüber dem magnetischen Kompass, der bekanntlich nicht exakt nach Norden weist, da die magnetischen Pole nicht genau auf den geografischen Polen liegen, hinzu kommt eine Deviation, wenn zu viel Metall in der Nähe ist, diese Probleme nicht. Aufgrund ihrer Ausgestaltung aber mussten diese auch gewartet werden.

Einer der Verantwortlichen war der Mech.Mt.(A) Helmut Berlin – VI. Div..

Laut Zeitungsberichten hielt er sich bereits in den Jahren der Internierung in Mar del Plata auf und war dort in der Textilindustrie tätig.

 

Ob er überhaupt bei dem Rücktransport 1946 dabei war, ist unklar weil berichtet wird, dass er 1947 sich in Necochea aufhielt – 200 km östlich von Sierra de la Ventana. Dort am Ort fing er an, sich mit dem Roulettesystem zu beschäftigen und ein Spielsystem aufzubauen. Entgegen dem herkömmlichen genutzten System anderer Spieler das zur Grundlage hatte auf die Nummern zu setzen, die nicht fielen, setzte er auf die, die an den Tischen am häufigsten gewannen.

 

Das Vorgehen war nicht zufällig – Berlin, gelernter Dreher, mit technischem Verstand und mit eben solchen Blick ausgestattet hatte erkannt, dass aufgrund der abgenutzten Achsen, die Drehteller regelmäßig so zum Stillstand kamen, dass die Gewinnsektoren sich wiederholten. Er spielte hier mit geringen Einsätzen, hatte Erfolge und diese bestätigten seine Theorie.

 

Da das Spielkasino aber für den "ganz großen Coup" zu klein war, ging er um das Jahr 1950 nach Mar del Plata zurück. Hier lernte er ein polnisches Ehepaar kennen und erzählte offenbar von seinen Erfahrungen in Necochea. Sie kamen überein, die einzelnen Spieltische genau zu beobachten, die Eigenschaften zu erfassen und der Erfolg stellte sich bald ein.

 

Das bisher gewonnene Geld wurde einem Fond zugeführt und es entstand ein Kreis von etwa 60 Personen, die zum Spielen mit einbezogen wurden – die Einsätze wurden aus dem Fond heraus bedient.

 

Anfangs ging die Kasinoleitung davon aus, dass es sich nur um eine Glückssträhne handelte, aber später fingen die Croupiers doch an sich Notizen zu machen und es wurden Teile der Tische erneuert - Berlin und seine Mannschaft, die bisher im Spiel erfolgreich waren, erhielten Kasinoverbot.

 

In 10 Monaten hatten Berlin und das polnische Ehepaar zusammen 35 Millionen Pesos gewonnen - umgerechnet etwa 2,3 Mill. Dollar – "die Bank war gesprengt". Ein erfolgreiches System.

 

Danach soll er sich wieder in die Textilindustrie begeben haben und u. a. Jeans erzeugt haben – im 66. Lebensjahr begab er sich auf seine letzte Reise.


Die Speegemeinschaft in Deutschland

 

In Deutschland verlief für die Speefahrer das - Sich wiederfinden - natürlich anders, denn der Krieg hatte die persönlichen Lebensverhältnisse vieler erheblich durcheinandergebracht und das Auffinden gestaltete sich entsprechend schwierig – gerade im Hinblick auf das "geteilte Deutschland". Die Bemühungen, die zu den ersten Treffen ehemaliger Besatzungsmitglieder der "Graf Spee" führten und die daraus später hervorgegangene "Speegemeinschaft" wurde mal als Bericht zusammengefasst und ist in der Galerie abgebildet.

 

In den 80er Jahren unternahm der ehemalige Adjutant von Langsdorff und späterer KptzS. a.D. Diggins den Versuch, Besatzungsmitglieder der ehemaligen Fregatte "Graf Spee", von der schon oben berichtet wurde, in diese Speegemeinschaft einzugliedern. Einige blieben, andere nicht. Wie sich die Situation damals darstellte und wie er es beurteilte, ist seiner Rede, die er 1985 hielt, zu entnehmen, die auch in der Galerie abgebildet ist.

 

Den Berichten ist zu entnehmen, wie dieser Kreis entstand und auch, dass nicht immer nur alles in guter Eintracht verlief - dieser ambivalente Frieden blieb immer auch ein Wegbegleiter dieser Gemeinschaft. Die Treffen wurden auch in der Folgezeit immer jährlich abgehalten. Der "öffentliche Charakter", wie es die Gemeinschaften in Südamerika erfolgreich praktizierten, wurde hier offenbar nie in Erwägung gezogen – man blieb unter sich. Auch eine mögliche Vereinsstruktur, wie es in Deutschland erfahrungsgemäß üblich ist, blieb aus.

Um eine bessere Vorstellung dieser Gemeinschaft zu bekommen, muss das Mitteilungsblatt "Spee-Info" erwähnt werden, welches jahrzehntelang mit der Speegemeinschaft untrennbar verbunden war und diese begleitet hat. Weiteres ist auf der Unterseite: "Die Spee-Info im Wandel der Zeit" zu lesen. Dort wird auch der Schattenriss von Hans Langsdorff thematisiert; die Silhouette also, die auch als Wasserzeichen dient und von historischem Wert ist.



Gegenwart

 

Jahrzehnte sind seitdem vergangen und die Speefahrer von einst haben sich alle auf ihre letzte Reise begeben. In Uruguay gibt es keine Speegemeinschaft mehr, in Argentinien nur noch in Buenos Aires. Allerdings handelt es sich, wenn überhaupt, nur noch vereinzelt um Ehefrauen der verstorbenen Speefahrer, sicher ein paar Junioren sowie Verwandte.

Auch wenn diese meist einen deutschen Nachnamen haben, die Sprache ihrer Großeltern bzw. ihrer Eltern haben sich die wenigsten erhalten. Einige wenige pflegen ggf. unter sich noch ihr "Belgrano-Deutsch" aber auch das Ende ist abzusehen.

Sie treffen sich einmal im Monat und pflegen, wenn vielleicht auch nicht mehr die typische Kameradschaft, aber doch eine gemeinsame Verbundenheit – rund 60 Personen. Dazu gehört unstreitig das jährliche Treffen am Grab, zum Gedenken und zur Kranzniederlegung. Aber der Anteil partikularer Interessen nimmt zu - manchmal sind historische Begebenheiten gut für das eigene Vorankommen.

 

Auch hier in Deutschland veränderte sich der Personenkreis im Laufe der Zeit zusehends. Zuletzt waren es außer der Familie Langsdorff, Tochter und Ehemann nur noch einzelne Ehefrauen der verstorbenen Speefahrer und einige der Fregatte "Graf Spee"; rund 50 Personen – Tendenz deutlich abnehmend.

 

Im Juni 2018 entschied dieser Kreis, selbst für einige Teilnehmer überraschend, sich zum Ende des laufenden Jahres aufzulösen.

Die angegebenen Gründe dafür sind vielfältiger Natur. Man könnte übertrieben sagen, die Anzahl der Gründe verhält sich proportional der Teilnehmerzahl. Ob es nun so kurz vor dem anstehenden 80-Jahre-Gedenken sein musste, darf hinterfragt werden.

Aber das fortgeschrittene Alter der Menschen in der Gemeinschaft ist sicher ein zentraler Grund mit und muss respektiert werden.

 

Ein Grund aber, der auch genannt wurde, ist: >> erstaunliches Desinteresse der Nachfolgegeneration <<[…] Das mag ja im Einzelfalle richtig sein, aber als pauschale Betrachtung kann das nicht so stehen bleiben.

  • Aus der Rede von Kurt Diggins, die er 1985 hielt (in der Fotogalerie einsehbar), wird der Innere Zustand gut beschrieben. Dieser Gesamtzustand bestand schon von Anfang an und war für eine Nachfolgegeneration sicher nicht der attraktivste.
  • Man darf nicht übersehen, dass gerade die 70er Jahre, also in der Gründungsphase der Speegemeinschaft, und die 80er Jahre für Deutschland und seine damalige junge Nachkriegsgeneration, eine einzigartige Herausforderung war.
  • Es war die Zeit der Krisen, Umbrüche und Veränderungen. Ölpreiskrise, das Ende des wirtschaftlichen Nachkriegsbooms – beide lösten eine Stagflation aus. Und vier "autofreie Sonntage" gab es obendrauf.
  • Die Geiselnahme von München (Olympische Spiele) und der "deutsche Herbst" mit den Attentaten der RAF. Weiter die öffentliche Diskussion über eine mögliche Gefährdung des europäischen Gleichgewichtzustands durch sowjetische Aufrüstung und der darauf folgende NATO-Doppelbeschluss. Es folgten "Bonner Hofgarten", "Brokdorf" und der "Hamburger Kessel".
  • All das und mehr führte zu einer neuen, breiten und vielfältigen Friedensbewegung in Westeuropa und Nordamerika, die auch auf den Ostblock abfärbte und parallel, aber unabhängig davon, formierte sich auch eine soziale Anti-Atomkraftbewegung. Und es entstand auch eine neue politische Kraft.
  •  Der Begriff "Frieden" war angesagt - was immer die Menschen und der Einzelne damit verband.

Da stand der Sinn nicht unbedingt nach Traditionsbewahrung. Und schon gar nicht, wenn man sich mit "Grüppchenbildung" konfrontiert sah, in denen nicht nur verschiedene Eitelkeiten zelebriert, sondern auch seltsame politische Gesinnungen zur Schau getragen wurden – offenbar hatten zu viele zu wenig Lehren aus der Vorkriegszeit, den Folgen und dem Endergebnis gezogen.

Und zur Abrundung wurde auf so manchem Fest die Kaiserliche Reichkriegsflagge als Hintergrunddeko genutzt. Bilder dieser Treffen belegen das - mit dem Vermerk "unsere Reichskriegsflagge war immer dabei".

 

Insofern ist es angebracht zu fragen, ob eine Teilnahme dieser Generation wirklich gewollt war oder ob es sich hier nicht eher um ein Lippenbekenntnis handelte.

 

Auch die Familie von Hans Langsdorff fand den Weg in die Gemeinschaft erst Mitte 1983. Und ob die Enkel von Hans Langsdorff jemals an einem Treffen teilgenommen oder die Grabstätte besucht haben, ist aus der "Spee-Info" jedenfalls nicht zu efrahren.

 

Und später, als diese Generation in ihrer "zweiten Lebenshälfte" angekommen war, zur Überraschung einiger und besonders für sich selbst, kam eine Art "Altersmilde" hinzu. Denn es entwickelten einige doch Interesse an der Lebensgeschichte ihrer Väter und manchen dämmerte es jetzt, dass Langsdorff mit seiner Entscheidung die Internierung zu wagen und somit das Leben seiner Besatzung zu retten, die Weichen, die das Leben für jedes Besatzungsmitglied vermutlich bereits gestellt hatte, von Grund auf korrigierte. Und vermutlich auch für das Vorhandensein dieser Generation, in ihren ganz individuellen Strukturen, gesorgt hatte.

  • Aber an wem hätten sie sich wenden können, um ggf. Fragen zu stellen? Die Gemeinschaft, von der sie nur wussten, dass es sie gab, war nicht erreichbar - eine Öffentlichkeit war doch gar nicht gegeben.
  • Auch wenn - wie bei der Familie von Hans Götz - eine Begegnung vorgekommen war - er ist uns in den vergangenen Abschnitten schon begegnet. Sie erinnert sich, dass Hans Götz nach einem Speetreffen in Bergisch Gladbach Anfang der 70er Jahre damals eher enttäuscht von diesem Treffen heimkehrte und auch nicht viel davon erzählte. Er verspürte auch nicht mehr den Wunsch, an einem weiteren Treffen teilzunehmen. Eine spätere Kontaktaufnahme fand nicht statt.
  • Sein Sohn erinnert sich, dass er 2014 verzweifelt versucht hatte, irgendeine Kontaktadresse zur Speegemeinschaft hier in Deutschland zu finden. Er wusste, dass es eine Spee-Info gab und dass auch Speetreffen abgehalten wurden. Aber es gab nirgendwo Hinweise auf eine Speegemeinschaft. Über das Internet ist er dann damals auf das Video der Gedenkfeierlichkeiten 2009 gestoßen mit der Familie Langsdorff. Er erinnerte sich, dass er 1988 als Fahrer für einen Speefahrer der aus Argentinien zu Besuch in Deutschland war und früher mit seinem Vater einen Bordfreundschaft pflegte, ihn zur Familie Langsdorff gefahren hatte.
  • Da diese Familie aber nicht im Telefonbuch zu finden war und auch das Internet zu keinem Ergebnis führte suchte er den Kontakt zu dem Sohn des Speefahrers der in Buenos Aires lebte. Dieser stellte daraufhin den Kontakt zur Speegemeinschaft in Buenos Aires her. Daraufhin erfolgte eine Einladung zum 75järigengedenken 2014. Nun war endlich der Schritt zur Speegemeinschaft vollzogen. Die erste Teilnahme an einem Speetreffen erfolgte dann 2015.

Diese Geschichte zeigt, dass der Zugang zu dieser Gemeinschaft nur dann glückte, wenn bereits ehemalige Speefahrer in der Gemeinschaft verankert waren,  die Söhne und Töchter zumindest theoretisch Berührungspunkte haben konnten. Aber es waren bei Weitem nicht alle Speefahrer hier organisiert. Daher blieb es wie oben beschrieben eher dem Zufall überlassen.


Zukunft

 

Wie wird diese sich ausnehmen … Weder vermeintliches Wissen noch Spekulationen führen weiter, aber die Faktenlage ist eindeutig. Die Gemeinschaft in Deutschland hat sich nun erledigt, die in Argentinien wird eventuell noch ein Weilchen bestehen bleiben, aber die Endlichkeit ist auch schon absehbar.

 

Vielleicht ist es ja doch ein Glücksfall, dass rechtzeitig eine Internetdokumentation in die Welt gelangt ist, das an das Ereignis erinnert. Das mögen einige Teilnehmer der Speegemeinschaften, hüben wie drüben, bisher großzügig übersehen haben, aber es gibt daran kein Vorbeikommen mehr!


Schwerer Kreuzer HMS "Exeter"

Der Wahlspruch: "Semper fidelis"

York-Klasse - 8390 ts - 32 kn

Leichter Kreuzer HMS "Ajax"

Der Wahlspruch: " Non other than Ajax"

 Leander-Klasse - 7270 ts - 32,5 kn

Leichter Kreuzer HMNZS "Achilles"

Der Wahlspruch: "Braverly in Action"

Leander-Klasse - 7270 ts - 32,5 kn