Das Schicksal einer jeden Besatzung ist eng mit dem Auftrag und dem Ziel ihres Schiffes verbunden - besonders, wenn es sich um ein Kriegsschiff handelt, das in Kampfhandlungen verwickelt wird.

 

Aber auch im günstigsten Fall: Die "Graf Spee" und ihre Besatzung hätten ihren Heimathafen Wilhelmshaven erreicht, wie wäre es weiter gegangen? - der Krieg hatte erst gerade begonnen. Viele der jungen Besatzungsmitglieder wären zu den U-Booten versetzt worden, zum einen, weil man Menschenmaterial brauchte, zum anderen, weil man sie mit einer elitären Aura umgab.

 

Von 40.000 U-Boot-Fahrern kamen bekanntlich über 30.000 nicht zurück - die Wahrscheinlichkeit zu überleben, wäre eher gering gewesen. Durch die Entscheidung, die Internierung zu wagen, hatte Langsdorff die Weichen, die die damalige Entwicklung für jedes Besatzungsmitglied vermutlich bereits gestellt hatte, von Grund auf korrigiert.


Vergangenheit

 

Nach dem Krieg, ab dem Jahr 1947, kehrte eine beachtliche Anzahl ehemaliger Besatzungsmitglieder, nennen wir sie ab jetzt "Speefahrer", nach Südamerika zurück.

Während es etwa zehn Mann waren, die nach Uruguay zurückgingen, viele andere wurden ja, wie schon beschrieben, aus humanitären Gründen gar nicht erst nach Deutschland zurückgebracht, waren es sicher deutlich über 200 Mann, genaue Zahlen liegen nicht vor, die nach Argentinien zurückgingen.

 

Sie kehrten überwiegend an die Orte zurück, wo sie einmal interniert waren und wo sie bereits in Familien integriert waren, mit einer Ausnahme: die Insel Martin Garcia – dort wollte sicher keiner wieder hin.

 

Die Männer, die zusätzlich in der Internierung eine Anstellung hatten, konnten die Tätigkeit in der Regel wieder aufnehmen.

 

Wenig später gründeten sich in den unterschiedlichen Provinzen sogenannte Speekreise. Man traf sich regelmäßig und irgendwann wurden an öffentlich zugänglichen Plätzen, nach Absprache mit der jeweiligen örtlichen Verwaltung, ein Areal mit einem Gedenkstein, Holzkreuz, o.ä. mit einer angebrachten Tafel gesetzt, die an die Vorgänge vom Dezember 1939 und den gefallenen Besatzungsmitgliedern der "Graf Spee" erinnerten.


Auch in Buenos Aires wurde ein Speekreis gegründet, der sich wie abgebildet nannte und monatlich traf. Weiter wurden im Lokal "Nino" in Olivos, Feiern wie Tanzfeste oder Weihnachtsfeiern veranstaltet. Besonders anzumerken sei, dass die Treffen immer auch von "öffentlichem Charakter" waren, das heißt, dass sowohl Verwandte, Freunde, aber auch Argentinier, die nichts mit dem Spee-Ereignis zu tun hatten, außer dass sie sich interessiert zeigten, immer willkommen waren und so eine Akzeptanz für diese Treffen und der dahinter stehenden Geschichte geschaffen wurde.


Hier im Stadtzentrum konnte auf Gedenksteine etc. verzichtet werden, da das Grab des Kommandanten Langsdorff auf dem Friedhof "Cementerio de la Chacarita" Deutsche Sektion praktisch vor der Haustür lag. Und im Mittelpunkt all dieses stand natürlich die obligate Kranzniederlegung am 20. Dezember eines jeden Jahres am Grab von Langsdorff.

Es war immer ein stilles Gedenken und Dankbarkeit für einen Menschen dessen Standhaftigkeit, bei seiner Besatzung zu absolutem Zutrauen geführt und der jene vor dem sicheren Tod bewahrt hatte.

 

Ein Ausspruch, der zeitlebens von den Speefahrer genannt, von vielen Familien übernommen wurde und daher bis heute lebendig ist: >> Er war, wie ein Vater für uns <<[…].

 

Das Bild wurde am 25. März 1961 aufgenommen, anlässlich des Besuches der Fregatten "Hipper" und "Graf Spee". Im Hintergrund ist der Eingang zum Deutschen Friedhof, Str. Av. Elcano zu sehen - dieser gehört zum Friedhofkomplex "Cementerio de la Chacarita".

Es handelt sich hier um den Kameradenkereis "Spee". In der ersten Reihe vorne, von rechts der 2. ist mein Vater im Mantel und in die Kamera schauend und der 5. ist Rasenack im Anzug geradeaus schauend.


Später, als die ersten Söhne und Töchter "dem Kreis beitraten" wurde, auch für die eine Weihnachtsfeier arrangiert – auch ein Weihnachtsmann gehörte dazu. Und einige waren auch an den Gedenktagen dabei. So auch, als 1954 Frau Langsdorff mit Tochter Inge zu Besuch in Buenos Aires waren und mit den diversen Speekreisen, die eigens angereist waren, am der Gedenkfeier teilnahmen. Anlässlich des Besuches, wurde Frau Langsdorff vom damaligen deutschen Botschafter Sebel und Dolch übergeben.

 

Aber auch die Kriegsgegner von einst äußerten sich immer mit Respekt und Achtung über Langsdorff. Hätte er nicht diese Entscheidung getroffen, darüber waren sie sich im Klaren, hätten auch sie in einem erneuten Kampf einen gewaltigen Blutzoll geleistet.

Seit den 50er Jahren kam es immer wieder vor, dass internationale Delegationen oder einzelne ausländische Besucher das Grab besuchten und Blumengrüße ablegten – das wurde schnell zu einer Tradition und ist es bis in die Gegenwart geblieben.

 

In seinem Buch "I was Graf Spee Prisoner“ berichtet Capt. P. Dove, Kapitän der "Africa Shell", voller Achtung und Wertschätzung über seine Begegnungen und Gespräche mit Langsdorff. Und Capt. C. Pottinger, Kapitän der "Ashlea", hatte auch an dem Begräbnis von Langsdorff teilgenommen und einen Kranz niedergelegt. Beide hatten übrigens in Montevideo, bevor sie von Bord gingen, ein Mützenband von Langsdorff zur Erinnerung bekommen – diese stammten von zwei Gefallenen und Langsdorff meinte ernst, dass sie diese haben sollten.

 

In Erinnerung an den Gegner von einst - dem Kreuzer HMS "Ajax" - ehrte die Stadt Ajax - Prov. Ontario in Kanada, das Andenken an Langsdorff mit einer Straßenbenennung – Langsdorff Dr, Ajax, ON, Canada -



Im Jahr 1961 besuchten zwei Schulfregatten der "Bundesmarine" Buenos Aires. Es waren die Fregatten "Hipper" und "Graf Spee" - dieser Name war natürlich Programm.

 

Es war überwältigend, mit welcher Herzlichkeit und Freude die Besatzungen in Buenos Aires empfangen wurden. Es gab ein Kinderprogramm an Bord der Fregatten für die Söhne und Töchter der ehemaligen Besatzungsmitglieder der "Graf Spee".

 

Die deutschen Turnvereine in "Los Polvorines" und "Villa Ballester" veranstalteten Festabende für die Besatzungen und eine Abordnung der beiden Fregatten wurden in der "Casa Rosada" vom damaligen Präsidenten Frondizi empfangen.

 

Kurz und gut, Buenos Aires mit seine Einwohnern stand Kopf, nicht nur die Deutschen, auch die Argentinier, denn die ab Ende 30 konnten sich noch gut an die Dezembertage des Jahres 1939 erinnern. Diese Hauptstadt hatte schon oft ausländische Marineeinheiten zu Gast, aber so ein Aufsehen gab es bis dahin noch nie und hat sich auch nicht wiederholt.

Aber auch hier stand im Mittelpunkt die Ehrung mit Kranzniederlegung am Grab von Langsdorff.



Zum Abschluss eine unterhaltsame Anekdote. Auf der "Graf Spee" war bekanntlich viel Technik verbaut – so auch Kreiselkopasse. Diese hatten gegenüber dem magnetischen Kompass, der bekanntlich nicht exakt nach Norden weist, da die magnetischen Pole nicht genau auf den geografischen Polen liegen, hinzu kommt eine Deviation, wenn zu viel Metall in der Nähe ist, diese Probleme nicht. Aufgrund ihrer Ausgestaltung aber mussten diese auch gewartet werden.

Einer der Verantwortlichen war der Mech.Mt.(A) Helmut Berlin – VI. Div..

Laut Zeitungsberichten hielt er sich bereits in den Jahren der Internierung in Mar del Plata auf und war dort in der Textilindustrie tätig.

 

Ob er überhaupt bei dem Rücktransport 1946 dabei war, ist unklar weil berichtet wird, dass er 1947 sich in Necochea aufhielt – 200 km östlich von Sierra de la Ventana. Dort am Ort fing er an, sich mit dem Roulettesystem zu beschäftigen und ein Spielsystem aufzubauen. Entgegen dem herkömmlichen genutzten System anderer Spieler das zur Grundlage hatte auf die Nummern zu setzen, die nicht fielen, setzte er auf die, die an den Tischen am häufigsten gewannen.

 

Das Vorgehen war nicht zufällig – Berlin, gelernter Dreher, mit technischem Verstand und mit eben solchen Blick ausgestattet hatte erkannt, dass aufgrund der abgenutzten Achsen, die Drehteller regelmäßig so zum Stillstand kamen, dass die Gewinnsektoren sich wiederholten. Er spielte hier mit geringen Einsätzen, hatte Erfolge und diese bestätigten seine Theorie.

 

Da das Spielkasino aber für den "ganz großen Coup" zu klein war, ging er um das Jahr 1950 nach Mar del Plata zurück. Hier lernte er ein polnisches Ehepaar kennen und erzählte offenbar von seinen Erfahrungen in Necochea. Sie kamen überein, die einzelnen Spieltische genau zu beobachten, die Eigenschaften zu erfassen und der Erfolg stellte sich bald ein.

 

Das bisher gewonnene Geld wurde einem Fond zugeführt und es entstand ein Kreis von etwa 60 Personen, die zum Spielen mit einbezogen wurden – die Einsätze wurden aus dem Fond heraus bedient.

 

Anfangs ging die Kasinoleitung davon aus, dass es sich nur um eine Glückssträhne handelte, aber später fingen die Croupiers doch an sich Notizen zu machen und es wurden Teile der Tische erneuert - Berlin und seine Mannschaft, die bisher im Spiel erfolgreich waren, erhielten Kasinoverbot.

 

In 10 Monaten hatten Berlin und das polnische Ehepaar zusammen 35 Millionen Pesos gewonnen - umgerechnet etwa 2,3 Mill. Dollar – "die Bank war gesprengt". Ein erfolgreiches System.

 

Danach soll er sich wieder in die Textilindustrie begeben haben und u. a. Jeans erzeugt haben – im 66. Lebensjahr begab er sich auf seine letzte Reise.


In Deutschland verlief für die "Speefahrer" das - Sich wiederfinden - natürlich anders, denn der Krieg hatte die persönlichen Lebensverhältnisse vieler erheblich durcheinandergebracht und das Auffinden gestaltete sich entsprechend schwierig – gerade im Hinblick auf das "geteilte Deutschland". Die Bemühungen, die zu den ersten Treffen ehemaliger Besatzungsmitglieder der "Graf Spee" führten und die daraus später hervorgegangene "Speekameradschaft" wurde mal als Bericht zusammengefasst und ist in der Galerie abgebildet.

 

Ab dem Jahr 1975 wurde als Mitteilungsblatt eine sogenannte Spee-Info vierteljährlich an die Mitglieder versendet. Hier wurden aktuelle Informationen, Vorhaben, gelegentliche partikular geschriebene Erlebnisse abgedruckt, auch Glückwünsche zu Geburtstagen und im Laufe der voranschreitenden Zeit, die Todesanzeigen, die sich logischerweise immer mehr häuften.

 

 

 

In den 80er Jahren unternahm der ehemalige Adjutant von Langsdorff und späterer KptzS. a.D. Diggins den Versuch, Besatzungsmitglieder der ehemaligen Fregatte "Graf Spee", von der schon oben berichtet wurde, in diesen Speekreis einzugliedern. Einige blieben, andere nicht. Wie sich die Situation damals darstellte und wie er es beurteilte, ist seiner Rede, die er 1985 hielt, zu entnehmen, die auch in der Galerie abgebildet ist.

 

 

 

Den Berichten ist zu entnehmen, wie dieser Kreis entstand und auch, dass nicht immer nur alles in guter Eintracht verlief - dieser ambivalente Frieden blieb immer auch ein Wegbegleiter dieser Gemeinschaft. Die Treffen wurden auch in der Folgezeit immer jährlich abgehalten. Der "öffentliche Charakter", wie es die Gemeinschaften in Südamerika erfolgreich praktizierten, wurde hier offenbar nie in Erwägung gezogen – man blieb unter sich. Auch eine mögliche Vereinsstruktur, wie es in Deutschland erfahrungsgemäß üblich ist, blieb aus.

 



Gegenwart

 

Jahrzehnte sind seitdem vergangen und die Speefahrer von einst haben sich alle auf ihre letzte Reise begeben. In Uruguay gibt es keine Speegemeinschaft mehr, in Argentinien nur noch in Córdoba und in Buenos Aires. Allerdings sind es vielleicht nur noch vereinzelt Ehefrauen der verstorbenen Speefahrer, ein paar Junioren sowie Verwandte. Sie treffen sich einmal im Monat und pflegen, wenn vielleicht auch nicht mehr die typische Kameradschaft, aber doch eine gemeinsame Verbundenheit – rund 60 Personen. Dazu gehört unstreitig das jährliche Treffen am Grab, zum Gedenken und zur Kranzniederlegung.

 

Hier in Deutschland ist es vom Personenkreis her etwas anders. Außer der Familie Langsdorff, Tochter und Ehemann, hält es sich zwischen den wenigen Witwen und Junioren mit den Verbliebenen der Fregatte "Graf Spee" die Waage – rund 50 Personen.

 

Wie die Zukunft dieser Speegemeinschaften aussieht und ob für eine Nachfolge gesorgt ist, darüber lässt sich bestenfalls spekulieren – mehr aber auch nicht.

 

Als Sohn eines Speefahrers, hat der Autor mit diesem Internetprojekt jedenfalls sein Beitrag geleistet – möge dieses Ereignis noch lange lebendig bleiben.


Und wie gehen die entsprechenden Institutionen in Deutschland damit um?

 

  • Wie ehrt die Stadt Bergen auf Rügen ihren Sohn der Stadt?
  • Wie würdigt die Deutsche Marine seit ihrer Aufstellung im Jahr 1956 einen Marineoffizier, der zu Beginn des Zweiten Weltkrieges sicher - militärisch betrachtet - einen Fehler machte? Als er diesen aber erkannt hatte, eine mutige und moralisch vorbildliche Entscheidung traf und Verantwortung für seine Männer übernahm?
  • Und wie honoriert die "Politische Klasse" dieses Handeln, die die historische deutsche Verantwortung immer griffbereit hat, und wenn es opportun erscheint, diese fast gebetsmühlenhaft deklamiert. Es wird doch immer nach Persönlichkeiten Ausschau gehalten, deren Verhalten im 2. Weltkrieg Vorbildfunktion haben könnte!

 

Dazu können keine Beispiele genannt werden – es gibt schlicht keine.


Schwerer Kreuzer HMS "Exeter"

Der Wahlspruch: "Semper fidelis"

York-Klasse - 8390 ts - 32 kn

Leichter Kreuzer HMS "Ajax"

Der Wahlspruch: " Non other than Ajax"

 Leander-Klasse - 7270 ts - 32,5 kn

Leichter Kreuzer HMNZS "Achilles"

Der Wahlspruch: "Braverly in Action"

Leander-Klasse - 7270 ts - 32,5 kn